Zu viele Bilder seien auch nicht gut, wurde mir zuletzt zurückgemeldet. Dann würde aus einem Blog eine Fotogeschichte mit Untertiteln. Das Feedback freut mich, weil es impliziert, es habe zumindest im ersten Beitrag einen erzählerischen Zusammenhang gegeben. Ich bin aber verunsichert. Wie viele und welche Art von Illustrationen braucht es? Vielleicht könnte die Frage ja mal in den Kommentaren verhandelt werden. Die heutige Ausgabe beginne ich mit einem Nachtrag zur mexikanischen Polka. In einer Leserzuschrift wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass diese in jüngerer Zeit mit allen Trompeten ihren Weg zurück nach Europa gefunden hat, und zwar in ein Stück von Element of Crime. Dieses schöne Beispiel für musikalische Migrationsbewegungen kann man sich hier anhören. Dass auch in Harlem die Musik ständig in Bewegung ist, hatte ich bereits erwähnt. Sehr verbreitet sind auf Fahrrädern befestigte Lautsprecher. Mal größer, mal kleiner. Mal mit einem Gummiband auf dem Gepäckträger befestigt, oft festmontiert. Meist HipHop. Einen historisierenden Beitrag zum Harlem-Soundtrack verdankt das Viertel einem Radfahrer, der mit einer eher bescheidenen kleiner Booster-Box, aus der Modern Jazz erklingt, ohne besonderes Ziel langsam durch die Straßen cruist. Er ist oft zu hören. Alle kennen ihn. Einmal bilde ich mir ein, John Coltrane zu erkennen, aber sicher bin ich mir nicht. Bis ich die Musikerkennungsapp Shazam geöffnet habe, ist er schon um die Ecke gebogen.

Aber es würde passen. Auf dem Weg ins Double Dutch Espresso oder zum Teachers College gehe ich regelmäßig an Minton´s Jazzclub vorbei – der Lieblingsclub von Miles Davis, wie mir erzählt wurde. Die New York Times und ein bilderreicher Blog-Post auf der Internetseite des Reiseführers Lonely Planet behaupten übereinstimmend, in diesem Club sei der Bebop erfunden worden. In einer studentischen Arbeit aus einem Columbia-Kunstgeschichte-Seminar Mapping the American Past wird erklärt, dass der Besitzer an Montagen, wo die Musiker üblicherweise einen freien Abend hatten, unbezahlte Jam-Sessions veranstalten durfte, weil er einen guten Draht zur Gewerkschaft hatte. Eine Gelegenheit zum Experimentieren. Solche Jam-Sessions finden noch immer statt, wie dem Programm zu entnehmen ist, das draußen in einem Glaskasten aushängt. Die Namen Dizzy Gillespie und Thelenonius Monk sehe ich dort allerdings nicht. Die angekündigten Combos kenne ich nicht. Meine Bitte an alle Leserinnen und Leser: Vielleicht können diejenigen, die sich mit Musik auskennen, das wöchentliche Programm verfolgen und mir rechtzeitig Empfehlungen geben. Nicht nur im Minton´s. Im Grunde gerne mit Blick auf das gesamte Konzertangebot in New York. Das ist unübersichtlich. Der Hot House Jazz Guide überfordert mich. Bis ich mir einen Überblick verschafft habe, ist es längst zu spät, um noch aus dem Haus zu gehen. Zur schnellen Orientierung wurde mir die App Who´s Playing Tonight empfohlen, in der ich jeden Tag nachschauen kann, was heute Abend in welchem New Yorker Jazzclub läuft. Das hilft aber nicht wirklich. Es ist einfach zu viel. Deshalb bleibe ich oft zuhause. Musik gibt´s auch so. Es reicht, das Fenster zu öffnen. Gleich unten an der Ecke steht ein Eiswagen, der mehrmals am Tag bis spät für ein halbes Stündchen die Melodie von The Entertainer mit Spieluhrklang in Dauerschleife abspielt, um auf sich aufmerksam zu machen und mich zu unterhalten.

Ein Erlebnis war die bereits erwähnte Apollo Amateur Night. Eine Art Talentshow, die seit Jahrzehnten läuft und damit wirbt, dass Lauryn Hill hier Ende der 80er als damals 13-Jährige entdeckt wurde. Außerdem Luther Vandross und vor 90 Jahren in einer der ersten Amateur Nights niemand Geringeres als Ella Fitzgerald. Gespannt, welcher Star der Zukunft heute auf der Bühne stehen wird, bin ich viel zu früh im Theater. Um die Zeit zu nutzen, kaufe ich mir diesmal ein Apollo-T-Shirt. Der Body mit der Aufschrift „Future Legend” hätte mir nicht gepasst; er ist nur bis Kindergröße 98 erhältlich. Als sich der Saal mit Touristen zu füllen beginnt, startet der Haus-DJ das Vorprogramm, um für Stimmung zu sorgen. Auf der Leinwand werden Selfies der Vorabende gezeigt, die das Publikum auf der Social Media Plattform des Hauses hochladen kann. Um mich herum werden die Mobiltelefone gezückt. Ich verstehe leider nicht schnell genug, wie das funktioniert. Die Familie schräg vor mir kommt aus Georgia, wie ich einer Bemerkung entnehme, und ist offenbar nicht zum ersten Mal hier. Die Kinder kreischen vor Vergnügen, als Daddy grinsend auf der Leinwand zu sehen ist. Auftritt der Hausband. Sehr gute Musiker. Der Moderator singt das erste Stück und erklärt die Regeln. Alle, die heute Abend zu sehen und zu hören sind, haben eine Vorausscheidung überstanden. Im ersten Teil treten Nachwuchsstars bis 18 Jahre auf, bei denen noch keine Boo!-Rufe erlaubt sind. Eine 15-Jährige aus New Jersey singt eine Coverversion. Ein 10-Jähriger steppt. Insgesamt 5 kurze Auftritte. Am Ende werden Punkte vergeben. Wie viele wird an der Stärke des Applauses gemessen. Das geht nach meinem Eindruck allerdings nicht mit rechten Dingen zu. Entweder der TÜV müsste mal vorbeischauen und das Messgerät im Saal prüfen oder – wahrscheinlicher – eine Experten-Jury hat schon vorab die richtige Entscheidung getroffen. Das stört niemanden. Die Stimmung ist großartig. Zu Beginn des nun folgenden Wettbewerbs der Erwachsenen treten zunächst drei Dummy-KandidatInnen auf, die peinlich schlecht performen und entsprechend lautstark ausgebuht werden dürfen. Das gehört nämlich unbedingt dazu. Einige im Publikum haben Schilder mitgebracht. Die folgenden eigentlichen Amateur-Kandidatinnen und Kandidaten bleiben davon nun verschont. Einige haben ein Playback mitgebracht, bei anderen begleitet die Band. Ein Vorteil, denke ich, denn die Musiker haben richtig Spaß. Der Showmaster feuert das Publikum an. Zurecht gefeiert wird Somebody´s Mama aus der Bronx, die in schnellem Poetry-Slam-Stil einen Text über Waffengewalt an Schulen vorträgt: This is America. Am Ende entscheidet wieder der Schallpegelmesser. Boo!-Rufe gibt es nicht. Die machen auch keinen Sinn, erklärt uns der Moderator, weil deren Lautstärke dem betroffenen Kandidaten ja zum Vorteil gereichen könnten. Es gewinnt ein Rapper aus Pennsylvania. Den Namen habe ich mir leider nicht gemerkt. Aber wenn er berühmt wird, steht das irgendwann bestimmt auf der Website des Apollo-Theaters. Um Missverständnissen vorzubeugen, sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass die Amateur Night nicht mit der Education-Abteilung des Theaters verwechselt werden darf, von der ich hoffentlich zu einem späteren Zeitpunkt berichten kann.

In einem gewissen Kontrast stand das Konzert der New York Philharmonic, das ich drei Tage später im Lincoln Center besucht habe. Um Harlem geht es auch hier, doch die Stimmung ist weniger ausgelassen. Ein kultiviertes Publikum lauscht dem sehr gemischten Programm, vom Orchester selbst kuratiert, weil es derzeit keinen Music Director gibt, wie ich dem Programm entnehme. Historische Zusammenhänge in der Geschichte des Orchesters sind das Motto. Als Gastdirigent wurde Ken-David Masur engagiert, der als Sohn von Kurt Masur den Saal gut kennen dürfte. Auf drittes Stück steht Harlem für Big Band und Orchester auf dem Programm, ein Stück, das Duke Ellington 1950 auf Bitten von Toscanini geschrieben hat. Der Abend beginnt mit einer Auftragskomposition der Komponistin Augusta Read Thomas, die wiederum eine Homage an Ellington mit dem Titel Bebop Kaleidoscope geschrieben hat. Kleines Orchester, vor allem Streicher, die viel pizzicato spielen, was an Bigband-Bläsersätze erinnert. Gute Idee. Zwischen den beiden Werken erklingen, denkbar größter Kontrast, Ausschnitte aus Orchestersuiten von Bach in der Bearbeitung von Gustav Mahler, die unter seiner Leitung 1909 von den NYPh uraufgeführt wurden. Bei der Air muss ich fast heulen, so schön ist es. Ich reiße mich zusammen. Im zweiten Teil nochmal Mahler, der Sinfoniesatz Blumine, gefolgt vom Vorspiel zum zweiten Akt der Oper Guntram von Richard Strauss, das hier in New York zum letzten Mal 1916 auf dem Programm stand, was ich verstehen kann. Beendet wird der Konzertabend mit Hindemiths Symphonischen Metamorphosen von Themen Carl Maria von Webers, die das Publikum, ich weiß nicht genau warum, zu langanhaltendem Applaus veranlassen, der mit einer Zugabe belohnt wird. Von der David Geffen Hall im Lincoln Center, die früher eine schlechte Akustik gehabt haben soll und mehrfach umgebaut wurde, bin ich angetan. Auch im zweiten Rang in der zweiten Reihe (die besten Karten, die noch zu haben waren, für 120 Dollar, es lebe die deutsche Kulturförderung) kann ich alles sehr gut hören, die Kontrabässe allerdings nicht sehen – so sehr wage ich nicht, mich über die Brüstung zu beugen. Ich werde auf jeden Fall wieder herkommen. Die Karten sind schon gekauft. Diesmal rechtzeitig.

Am letzten Septemberwochenende überschlagen sich die Veranstaltungsereignisse. Im New York City Center läuft das mehrwöchige Tanzfestival Fall of Dance. Mein Kollege, Nachbar und Gastgeber am Teachers College hat mich zu einer Aufführung am Sonntagnachmittag eingeladen. Unter anderem mit Four Pieces getanzt vom Dutch National Ballet zum A-Dur Streichquartett von Schumann. Eine großartige Verkörperung der Musik. Noch stärker in Erinnerung bleibt allerdings das Stück Gandini Juggling eines englischen Tanzensembles, das auch eine Akrobatikgruppe sein könnte: beim Tanzen wird jongliert. Zunächst erinnert die Performance an Street Art und Zirkus. Die Szenen thematisieren auf witzige und etwas altmodische Weise Geschlechterverhältnisse. Eine liebenswerte und ziemlich brave Aufführung, die bis hierhin auch in eine TV-Samstagabendshow passen würde. Doch dann geschieht etwas. Ein unerwarteter Einbruch von Gewalt. Die Frauen treten und schlagen erbarmungslos auf einen der beiden Männer ein, der hilflos am Boden liegt. Die Musik wechselt. Die Sex Pistols singen Anarchy in the U.K. Das Ensemble ergreift die unter Stühlen liegenden Wassermelonen, auf deren Einsatz das Publikum die ganze Zeit gewartet hat (ob die damit wohl auch jonglieren, hatte ich mich gefragt) und im weiteren choreografischen Verlauf zerbersten alle Früchte nacheinander auf dem Boden der Bühne. Nichts ist mehr brav. Nach diesem Auftritt wird die fast 40-minütige Solo-Choreografie der durchtrainierten sportlichen Tänzerin Sara Mearns („One of the most celebrated ballerinas in the world“, schreibt die New York Times) zur Musik von Sacre du Printemps nach kurzer Zeit langweilig. Mein Begleiter ist (wie ich) ein großer Freund des zeitgenössischen Tanzes, doch wir sind uns einig, dass 40 Minuten doch recht lang sind für Solo-Tanz (vermutlich selbst ohne vorausgehende Wassermelonenschlacht).

Für Sonntagabend hatte ich noch Restkarten für ein Konzert von Herbie Hancock bekommen. Schon vor der Einladung zum Tanzfestival. Das war so nicht geplant, zwei Veranstaltungen an einem Tag. Ich sitze mit einem (nicht ganz schwindelfreien) finnischen Kollegen, der für eine Konferenz und einen Gastvortrag einige Tage in New York ist, in einem riesigen Kulturzentrum in Newark im vierten Rang, sehr hoch oben über der sehr weit entfernten Bühne. Der deutlich über 80-Jährige „Herbie“ – so stellt er sich unter Jubel des Publikums vor – setzt zu Beginn noch sehr vorsichtig einen Schritt vor den anderen auf der großen Bühne, um an der Rampe den Saal zu begrüßen, tanzt aber gegen Ende des Abends auf einem Umhängekeyboard solierend zwischen dem Gitarristen und dem Bassisten hin und her.

Ich merke gerade, dass das alles schon wieder viel zu lang ist, was ich hier schreibe. Dies ist ja schließlich kein Feuilleton. Ich solle lieber öfter und regelmäßig posten, wurde mir gesagt, sonst sei das gar kein richtiger Blog. Ich werde mir das zu Herzen nehmen. Da ich selbst ungern Kritiken von Konzerten lese, die ich nicht besucht habe und auch nicht mehr besuchen kann, werde ich mich im Folgenden kurzfassen. Am nächsten Abend bin ich im Park Avenue Armory – eine Historische Stätte für Avantgardekunst heißt es auf GoogleMaps. Historisch ja, aber an Avantgarde denkt man nicht, wenn man hineinkommt. Gemälde mit ausgezeichneten Offizieren hängen an den vertäfelten Wänden. Das Publikum eher wie im Lincoln Center als im Apollo-Theater. Im riesigen runden eigentlichen Aufführungsraum in der Mitte ein großer Kreis, drumherum sitzen bereits die Performancekünstlertänzersängerinnen. Hinten die Musikerinnen und Musiker. Das neue Stück Indra´s Net von Meredith Monk war mir von mehreren Menschen empfohlen worden. Ich finde es sehr schön. Nach den beiden Veranstaltungen am Vortag erscheint es mir fast zu harmonisch. Ich muss an die Wassermelonen denken. Dafür kann das Stück nichts.

Es reicht erst einmal. Ich brauche einige Tage kulturelle Diät. Stattdessen versuche ich im Laufe der Woche einige Empfehlungen abzuarbeiten, die mir Menschen mit auf den Weg nach New York gegeben haben. Bei Gray´s Papaya gibt´s Hot Dogs, die Schlange vor Apollo Bagels ist mir zu lang, im Strand Book Store bin ich zu lange und kaufe unvernünftigerweise mehrere Bücher, von denen ich nicht weiß, wie ich sie jemals zurück nach Europa schaffen soll. Bemerkenswert vielleicht noch die Strawberry Fields im Central Park. Da geht es doch wieder um Musik. Alle, die wollen, dürfen sich dort mit einer Gitarre hinstellen und Beatles-Songs singen, unabhängig vom Talent, habe ich den Eindruck. Die Touristen machen Fotos. An einem Stand gibt es John Lennon-T-Shirts. Ich bleibe standhaft und schaue mir die gemischte Auslage mit kleinen Buttons an, darunter nicht nur John Lennon, sondern auch Harris und Walz. Ich entscheide mich, nicht aktiv in den Wahlkampf einzugreifen, sondern diesen Blog weiterhin als neutraler Beobachter zu schreiben. Interessant dass es an diesem touristischen Ort keine Trump, sondern nur Anti-Trump Buttons gibt. Bei den Kappen und T-Shirts vor dem Apollo Theater herrschte überraschenderweise mehr politische Ausgewogenheit. Oder war das dort ironisch gemeint? Kann ich mir schwer vorstellen bei dem Thema – dafür ist es zu ernst. Im Washington Square Park gibt es übrigens auch nur Buttons mit Harris und Walz. Daneben ein Stand mit Tarot-Karten, an dem man sich die Zukunft vorhersagen lassen kann. 

Auch an der Columbia ist das Thema präsent. Letztens hatten Studierende im Eingangsbereich des Teachers College einen Tisch aufgebaut, an dem erklärt wurde, wie man sich für die Wahl registrieren lassen kann. Ich bin nicht sicher, ob das an diesem Ort wirklich nötig ist. Die überwiegend internationalen Masterstudierenden im Musikprogramm sind sowieso nicht angesprochen. Heute Nachmittag gehe ich noch zu einem public colloquium im Department Philosophy and Education. Sarah Stitizlein aus Cincinnati spricht über Teaching Honesty and Trust in a Populist Era. Auch da ist Trump präsent. Danach will ich direkt weiter zu einem Konzert der New York Philharmonic. Bevor ich mich auf den Weg zum Vortrag mache, sehe ich eben bei einem Chai im Kaafi zufällig, dass heute Abend Stevie Wonder im Madison Square Garden auftritt. Waaas? Wieso hat mir das niemand gesagt? War offenbar schon ausverkauft, aber bei Ticketmaster werden online einzelne resale tickets angeboten. Vorne in der zweiten Reihe ist noch was für 1.100 USD zu haben. Ich sichere mir schnell einen günstigeren Platz etwas weiter hinten und kann die Orchesterkarte für die David Geffen Hall noch umtauschen: Am Sonntag Nachmittag um 14 Uhr dirigiert Matthias Pinscher noch einmal die New York Philharmonic. Das passt. Das Konzert mit Robert Glasper und Andra Day im Blue Note ist erst abends um 20 Uhr. Jetzt muss ich aber wirklich los.

Eine Antwort zu „Musik”.

  1. Lieber Christian,

    Es macht viel Spaß, deinen Blog zu lesen, er ist gut genauso wie er ist. Man braucht eben ein wenig Muße für die Lektüre. Alles sehr interessant! Vielleicht habe ich es übersehen, aber wie läuft es „zuhause“? Liebe Grüße!

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