Die Stimmung ist herbstlich grau bewölkt in New York. Ich muss mich entschuldigen, dass ich die Wahlberichterstattung vor fast drei Wochen in der Wahlnacht beendet habe, noch bevor das Ergebnis feststand. Als ich aufwachte, hatte in Deutschland längst die Zeit der Analysen begonnen, doch auch ohne Blick in die Nachrichten wusste ich sofort Bescheid. Denn wir hatten gut geschlafen. Es war die ganze Nacht ruhig geblieben auf den Straßen in Harlem. Nach der Wahl von Obama – so hatte man uns erzählt – war draußen Party bis in die Morgenstunden. Die Stille am Morgen des 6.11. fühlte sich nicht gut an. NPR News brauchte ich nur, um von der Deutlichkeit zu erfahren, mit der Trump sogar die popular vote, die Mehrheit der Stimmen gewonnen hat. Die meisten hier waren besser auf das Ergebnis vorbereitet als ich, berichteten aber, sie hätten beim Aufwachen die gleiche lautstarke Stille wahrgenommen. Wirklich Hoffnung auf einen Wahlsieg von Harris hatten nur wenige ihrer Anhänger in meinem vorwiegend akademischen Umfeld. Das Ausmaß der Niederlage kam trotzdem für viele unerwartet. Der Champagner liegt also immer noch im Kühlschrank und wartet auf bessere Zeiten. Die Reste der früh beendeten Wahlparty reichten noch für einige Tage.

Nach einer knappen Woche konnte ich wieder mit den Menschen sprechen, die sich vorübergehend verkrochen hatten. Und viele, die erst nicht über das Wahlergebnis reden wollten, tun es inzwischen doch. Meine Vermieterinnen fühlen sich in New York sicher, sagen sie. In den meisten Bundesstaaten hätten sie auch schon vor der Wahl nicht leben wollen. Es sind doch nur vier Jahre, höre ich. Das kann man, das muss man aushalten. Ist ja nicht das erste Mal. Immerhin ist meine Lebensversicherung im Wert gestiegen, meint jemand sarkastisch. Andere sind weniger gelassen, viele besorgt, einige böse. Die demokratische Partei hat die Arbeiterklasse vergessen, sagt jemand, selbst aus dem akademischen Milieu. Wir müssen verstehen, dass den meisten Menschen wirtschaftliche Themen wichtiger sind als abstrakte Freiheitsrechte und die Solidarität mit immer neuen diskriminierten und marginalisierten Gruppen. Doch die Selbstkritik einer liberalen Elite klingt eher ratlos und planlos, fass verzweifelt, wenig zukunftsweisend. Manche Gedanken kommen mir bekannt vor aus Diskussionen in Deutschland zur Frage, wie man auf die Erfolge der AFD reagieren soll. Was tun? In der New York Times lese ich A political autopsy. What Democrats think went wrong. Die haben sich nicht für unsere Alltagsprobleme interessiert, heißt es in Gruppendiskussionen. Schwarze Frauen, obwohl ursprünglich begeistert von der Nominierung Kamalas, sind sich einig, dass dies ein Fehler war und die Demokraten in Trump-Zeiten einen weißen Mann als Kandidaten brauchen. Amerika ist noch nicht so weit, wurde mir schon vor der Wahl gesagt, und als ich nun, schon wieder optimistisch, in Gesprächen einwerfe, es sei ja nicht die letzte Wahl, sehe ich einige besorgte Mienen. Die I voted Sticker, die vor der Wahl stolz getragen wurden, will jedenfalls niemand mehr haben. Aber es gibt ja noch die Future Voter Sticker.

Am Samstag nach der Wahl wird unten an der Ecke Malcolm X Boulevard/ 116te Straße eine Rede gehalten, mit Lautsprechern verstärkt. Der Kampf gegen das faschistische Amerika muss weitergehen, heißt es. Es ist eine Art Predigt, die Mut machen soll. Wir können alle verstehen, die verzweifelt sind, verkündet die Stimme, aber wir dürfen nicht aufgeben. Die zentrale Botschaft steht an der Subway-Station auf den Asphalt gemalt, in Englisch, Französisch und Spanisch. Wir sind in Harlem. Für 22 Uhr wird eine Rede an der 125sten Straße angekündigt. Das ist die Stelle, an der schon andere berühmte Reden im Civil Rights Movement der African Americans gehalten wurden. Auf diesen langen Befreiungskampf wird verwiesen. Ähnliche Stimmen höre ich auch am nächsten Tag auf dem Open-Air Nachbarschaftsfest The Soapbox presents im Marcus Garvey Park mit Poetry Slam, lokalen JazzmusikerInnen und DJ. Als Zeichen weißer europäischer Solidarität stecke ich einen 20-Dollarschein in die Spendenbox der Stadtteilinitiative.

Das Wetter ist nicht so trübe wie die Stimmung. Auch an den Tagen in der ersten Novemberwoche kann man im Central Park noch im T-Shirt auf der Bank sitzen und die Sonne genießen. Nur die Wespen sind etwas lästig. Mein Besuch ist enttäuscht, dass die Weihnachtsbäume, die bereits am Rockefeller Center und am Weihnachtsmarkt im Bryant Park stehen, nicht – wie in den bekannten Filmen – mit Schnee bedeckt sind. Stattdessen haben die Schlittschuhfahrer auf der Eisbahn kurze Hosen und Röcke an. Das Leben geht weiter, am Broadway laufen Musicals, Touristen fahren aufs Empire State Building, um sich die abendlich beleuchtete Stadt anschauen. Dank meines Besuches lerne ich einen Großteil der Second Hand und Vintage-Läden der Stadt kennen und finde eine Jeans für 18 Dollar und ein sehr cooles Hemd für 5 Dollar (ich weiß noch nicht, bei welcher Gelegenheit ich mich traue es zu tragen). Wir laufen ein Stück den Marathon mit, gehen ins MOMA, ins Blue Note zu Robert Glasper und in das gefeierte Stück „Oh, Mary“ im Lyceum Theatre, eine schräge historische Komödie, in der Cole Escola als Drag die Frau von Abraham Lincoln spielt, die am Ende, nachdem ihr Mann einem Attentat zum Opfer gefallen ist, endlich Songs aus „Cabaret“ vortragen darf. Anspielungen auf die aktuelle politische Situation gibt dabei es nicht. Die USA suchen den Weg zurück in den Alltag. In der New York Times finden sich nun wieder Artikel über andere Themen, während doch in den letzten Wochen vor der Wahl die Auslegung von Umfragen im Mittelpunkt stand und alles andere in den Hintergrund rückte. Aber so schnell ist kein normaler Alltag. Die Wahlanalysen und sarkastische Berichte zur Besetzung wichtiger Regierungsposten überwiegen.

Foto B.R., aber nicht aus dem MoMa, sondern aus Trader Joe´s.

Das Schulsystem sei verantwortlich, habe ich mehrfach gehört. Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt, will mir jedoch in den letzten Wochen noch ein Bild vor Ort machen und habe zwei Schulbesuche organisiert. Der Musikunterricht ist aber vermutlich gar nicht gemeint, wenn es um das Versagen des Bildungssystems geht, das sich ja auch in Deutschland manchen Vorwurf gefallen lassen muss. Die Klagen bezogen sich auch nicht in erster Linie auf Schulen in New York, obwohl das Zweiklassensystem von Privatschulen und öffentlichen Schulen hier sehr ausgeprägt zu sein scheint. Erwähnt werden Bundesstaaten, in denen ein antiintellektuelles Klima herrsche und christlicher Fundamentalismus sich mit Wissenschaftsskepsis verbinde, worunter die schulische Bildung leide. In New York ist man dagegen stolz, dass die Public Library unter dem Motto Books unbanned eine Kampagne ins Leben gerufen hat, die zum Lesen von Büchern aufruft, die in anderen Bundesstaaten aus den Regalen der Schulbibliotheken genommen wurden. Auch ein Antiquariat in Brooklyn, Teil der riesigen Second Hand Lagerhalle Big Reuse, bietet in einem eigenen Regal günstig verbotene Bücher zum Kauf. Das hilft den Schülerinnen und Schülern in Florida natürlich wenig, weshalb eine ähnliche Initiative in Gainesville vermutlich wichtiger ist, wo der Buchladen The Lynx eine Happy Banned Books Week veranstaltet hat. Auf der Website kann man sehen, dass es um Klassiker geht wie „Das Geisterhaus“ von Isabel Allende oder „Eine wie Alaska“ von John Green. Nicht leicht nachzuvollziehen. Ich lese Selbstreflexionen zur Frage, ob die kritische Auseinandersetzung mit Büchern, in denen sich rassistische oder LGBTQ-feindliche Passagen finden, auch eine Art Verbotspolitik sei (denn so lauten höhnische Kommentare der religiösen Rechten). Aber über diesen „Kulturkampf“, wie er manchmal genannt wird, wurde aus der deutschen Ferne in den vergangenen Jahren bereits viel berichtet. Viel mehr bekomme ich hier auch nicht davon mit. Wenn ich erzähle, dass ich mich in meinen Forschungen unter anderem für die Frage interessiere, wie ein Dialog zwischen Menschen möglich sein kann, die grundlegend unterschiedliche Weltanschauungen haben, höre ich tiefe Seufzer.

Schon im Oktober hatte ich im Department für Bildungsphilosophie des Teachers College einen interessanten Gastvortrag der Kollegin Sarah Stitzlein aus Cincinnati gehört mit dem Titel Teaching Honesty and Trust in a Populist Era. In einer Demokratie gehe es um Kommunikation und die basiere auf Vertrauen, lautet ihre Prämisse, und deshalb sei Ehrlichkeit so wichtig. Ohne diese Grundlage sei jede faktenbasierte rationale Argumentation verloren. Hier liege ein Bildungsauftrag. Ich nicke vernehmlich aus der zweiten Reihe, worüber sich die Vortragende offenbar freut. Dabei muss ich daran denken, wie oft dem Philosophen Jürgen Habermas vorgeworfen wurde, sein Konzept aufrichtiger statt strategischer Kommunikation sei wirklichkeitsfremd und idealistisch. Nicht unter Berufung auf Habermas, sondern auf den pragmatistischen Philosophen und Pädagogen John Dewey und sein Buch Democracy and Education (sehr passend im Teachers College, denn hier sieht man sich in seiner Tradition; vor dem Raum steht die Büste) fordert Sarah Stitzlein im Folgenden eine Erziehung zur Aufrichtigkeit. Das sei keine Frage von Moralerziehung, sondern könne – so wie John Dewey das schon vor 100 Jahren vorgeschlagen habe – in communities of inquiry gelingen, in denen gemeinsam an der Lösung eines Problems gearbeitet werde, wobei die Beteiligten lernen, einander zu vertrauen. Originell ist ihre Idee, dass ein populistischer Blick auf Wahrheit, in dem der Unterschied zwischen Fakten und Meinungen verwischt und bei dem es vor allem darauf ankommt, dass sich etwas wahr anfühlt, eine gewisse Verwandtschaft hat zu einer pragmatistischen Wahrheitstheorie, wie der von John Dewey, für die Wahrheit nie absolut ist, sondern vom jeweiligen Kontext abhängt: wahr ist, vereinfacht gesagt, was uns nützt und was sich für uns auszahlt. Sarah Stitzlein sieht in dieser Nähe eine erzieherische Chance auch noch dort, wo die Saat des Populismus bereits gesät ist, denn in kooperativen Projekten könne gelernt werden, dass es nicht allein auf den persönlichen, sondern den geteilten Nutzen ankomme und dass es für viele Dinge, mit denen man sich selbst nicht so gut auskennt, Experten gibt, denen man vertrauen kann. Nach dem Vortrag gibt es eine lebhafte Diskussion. Sarah Stitzlein gesteht ein, dass sie keine Antwort habe auf die Frage, wie man dafür sorgen könne, dass die communities of inquiry nicht nur ihren eigenen Experten vertrauen und den Experten der anderen weiterhin mit Misstrauen begegnen. In Zirkeln, in denen Verschwörungstheorien längst eingespielt sind, kommt Projektunterricht vermutlich zu spät, denke ich. Es ist schön, wenn Menschen auf Bildung hoffen, ich gehöre dazu, aber die Schule allein wird´s nicht richten. Manche meiner nordamerikanischen Gesprächspartner sehen in Europa ein Modell der Hoffnung, die jedoch beim genaueren Hinsehen schnell verfliegt. Aus der alten Welt ist keine Rettung zu erwarten ist. Populismus haben wir selbst reichlich.

In den letzten zwei Wochen wurde ich häufiger gefragt, was denn bei uns in Deutschland los sei. Keine Ahnung, musste ich antworten, ich war da lange nicht. Dass wir keine handlungsfähige Regierung haben, sei nach Ansicht vieler Menschen allerdings wohl keine neue Nachricht. Aber mir wird in solchen Gesprächen klar, dass ich mich langsam auf die Rückkehr vorzubereiten muss. Wie es ist, in Deutschland zu leben. Es sind nur noch drei Wochen. Vor sieben Tagen habe ich zur Vorbereitung schon einmal im Restaurant Heidelberg gegessen. Das liegt in der Upper East Side, dort, wo mal Germantown war, wie das Internet versichert. Davon merkt man in der Gegend jedoch nicht mehr viel. Aber im Heidelberg schon. Das Speiseangebot ist regional ausgewogen. Hering und Holsteiner Schnitzel neben Leberknödelsuppe und Spätzle. Ich finde kein Jägerschnitzel auf der Karte und wähle Bauernwurst mit Kartoffelsalat und Krautsalat. Dazu passt Jever vom Fass. Zur Weißwurst hätte es auch ein Paulaner gegeben. Kölsch wird in der Metzgerei Schaller & Weber gleich nebenan verkauft, aber es ist hier nicht vorgesehen, dass man sein Getränk mitbringt. Das Essen wird mit einem „Guten Appetit“ serviert und ist schmackhaft. Zugegeben, das vegetarische Restaurant in Koreatown, unweit vom Empire State Building, in dem ich vor kurzem mit meinem Besuch war, war noch besser. 

Auch Toronto, wohin mich letzte Woche die dortigen KollegInnen eingeladen hatten, um in zwei Veranstaltungen an der Universität etwas zu präsentieren, hat deutsche Gastronomie. Otto´s Berlin Döner in Kensington kannte ich schon von einem früheren Aufenthalt. Nach drei Tagen mit koreanischer Nudelsuppe, chinesischen Dumplings und italienischer Pasta fand ich es irgendwie lustig, dort einzukehren. Außerdem fing es gerade an zu regnen. Freundliche Bedienung, aber für sich kein zwingender Grund, nach Toronto zu reisen. Auch nicht wegen der Berliner Musik im Hintergrund. Es läuft Super Wavy von Ski Aggu und YFG Pave, wie mir Shazam verrät. Kommt nicht in meine Spotify-Playlist. Ist aber trotzdem eine musikalische Stadt, Toronto. Und gut ausgeschildert. Es gab einen abendlichen Sonderfahrplan der Subway, jedoch nicht wegen meiner Vorträge. Mein Aufenthalt hat weniger Aufmerksamkeit auf sich gezogen als der einer anderen Besucherin der Stadt. Einen Moment lang versuche ich mir vorzustellen, in dieser Weise würden die Menschen zu wissenschaftlichen Veranstaltungen geleitet. Ob das die Welt besser machen würde?

Morgen beginnen die Thanksgiving-Ferien. Viele, die ich kenne, nutzen die Woche für eine Reise. Die Universität hat geschlossen. Die Schulen haben ab Mittwoch zu. Donnerstag ist der Tag. Das wichtigste Fest des Jahres, lerne ich. Familienfeier oder Feier unter Freunden. Niemand soll allein bleiben. Wichtiger als Weihnachten, 4th of July und Halloween zusammen. Ich bin sehr gespannt. Ich habe eine Einladung von meiner amerikanischen Familie, die ich kaum kenne. Macht man sich Geschenke zu Thanksgiving? Ich könne side dishes mitbringen, wird mir gesagt. Aber was? Die Rubrik NYT Cooking macht Vorschläge, doch die klingen kompliziert und ich will keinen Fehler machen und die Küche hier ist nicht perfekt ausgestattet. Vielleicht bekomme ich irgendwo Blumen. Vom großen Truthahn-Fest werde ich dann in der nächsten Ausgabe berichten. Und vom Holiday Market am Columbus Circle, der sich vermutlich als Weihnachtsmarkt entpuppt. Und vom Rockefeller Christmas Tree Lighting, der dann doch kein Holiday-Baum ist.

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