
Das Foto hatte ich schon vorgestern gemacht. Ich hoffe, dass es der Nikolaus noch rechtzeitig durch den dichten Verkehr zu Euren frisch geputzten Stiefeln in Deutschland geschafft hat. Das Rätsel des vierten Dezember ist nun auch aufgeklärt. Die Nachricht, die ich heute (an meinem) morgen erhielt, lautete: „Hmmm, ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht ist das Bild vom Bryant Park? Umgebaut zu einem Weihnachtsmarkt? Im Sommer sieht es dort anders aus.“ In der Tat. Noch im September hatte ich dort zweimal auf der Wiese gesessen und Konzerten gelauscht. Auf der Eisfläche fuhren dann seit Ende Oktober Menschen in kurzen Röcken und Hosen ihre Kreise, bis in der zweiten Novemberhälfte auch hier der Wintereinbruch kam. Zwischendurch war etwa eine Woche Herbst, so wie ich Herbst aus Deutschland kenne, ungemütlich feucht mit Regen und Wind. Nun ist es kalt, aber sonnig und Winter Village at Bryant Park. Mit Raclette, Glühwein, heißer Schokolade mit Marshmallows (die mein Besuch schon Anfang November probiert hatte) und vielen Ständen, an denen man kleinere Geschenke und Adventsbedarf erstehen kann.

Und wo sind die kulturbeflissenen New York Besucher, die erkennen, wo ich vorgestern Abend war? Ich lasse den fünften Dezember noch offen, erlaube mir aber, ein weiteres Foto als Hinweis zu präsentieren:

Gestern Abend habe ich leider das Konzert der Tallis Scholars versäumt: In dulci jubilo, ein Programm der Columbia School of the Arts, ausschließlich mit gregorianischen Gesängen, wenn auch nicht in einer mittelalterlichen Kirche, sondern in St. Mary the Virgin in Harlem. Schade. Stattdessen besuchte ich im Digital Futures Institute des Teachers College schon in der Mittagszeit einen Vortrag zu AI Creativity, von dem ich allerdings etwas enttäuscht war. Der Gastredner war extra aus Luxemburg angereist, wo er einen Lehrstuhl für Künstliche Intelligenz innehat und offenbar sehr erfolgreich viele Projekte, u.a. zum Einsatz von KI im Bildungssystem leitet. Ich war neugierig, auch weil ich gelesen hatte, dass der Kollege (schon Anfang der 90er) in Saarbrücken Computerwissenschaften studiert und sich am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz mit ebendieser beschäftigt hatte. Vielleicht ein interessanter Kooperationspartner und ein Stück Heimat in New York, dachte ich, konnte dann aber mit den Projektberichten nicht viel anfangen, weil dem Vortrag und den Beispielen, die mit künstlerischer Praxis zu tun hatten, nach meinem Eindruck kein klarer Begriff von Kreativität zugrunde lag. Viel Zeit für Nachfragen gab es in dem Lunchtime-Format leider nicht. Ich nutzte aber die Gelegenheit, auf den spannenden Vortrag The Art of (gen) AI zu verweisen, den ich einige Woche zuvor im Department of Arts and Humanities gehört hatte. Der Musikpädagoge und Bildungsphilosoph Lauri Väkevä von der Universität Helsinki hatte anhand eindrücklicher Beispielen berichtet, wie generative AI die Praxis von Musikproduktion und damit Musikindustrie verändert und wie in der musikpädagogischen Praxis durch spielerisches Variieren von prompts kreative Prozesse initiiert werden können. Er wolle sich nicht in der Frage verlieren, ob generative AI eher als fabulierender Schwätzer oder als stochastischer Papagei zu verstehen sei. Stattdessen präsentierte er Beispiele für interessante kleine Fehler, die den Programmen unterlaufen, glitches in der erzeugten Musik und überraschende nonsense-Sätze in Phantasiesprache in Liedtexten. In der Diskussion schlug er vor, diese als kreative Akte der AI, jedenfalls als Ausgangspunkt für eine schöpferische Kollaboration in pädagogischen Kontexten zu verstehen. Das war interessant. Ich bin gespannt auf sein Buch, das nächstes Jahr erscheinen soll.

Das obige und das folgende Foto sind vorgestern entstanden, als eine Musikwissenschaftlerin aus Deutschland mich zu einem Vortrag an das Department of Music der Universität eingeladen hat, an der sie als Gastwissenschaftlerin tätig ist. (Wenn Du dies liest: Du bist leider von der Teilnahme ausgeschlossen. Sorry). Wo war das?

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