
Kalt ist es inzwischen in Harlem, aber einige Obstverkäufer harren tapfer aus und teilen sich den Straßenrand mit den neu hinzu gekommenen Weihnachtsbaumständen. Die Bürgersteige sind so breit an den großen Avenues hier in Harlem, weil man sich bei der Planung des Stadtteils an Paris orientiert habe, wurde mir erzählt. Ich wollte eigentlich eine Führung buchen. Das schaffe ich jetzt gar nicht mehr. Diesmal gibt es zwei etwa zeitgleiche Einsendungen mit der richtigen Lösung: „Hallo Christian, sieht für mich aus wie der Washington Square Park!“ Und mit einem noch stärkeren Ausdruck von Gewissheit die zweite Nachricht: „Oh wie schön, das kenne ich. Das ist am Washington Square, ein toller Platz und voller Leben“. Ich stimme zu, obwohl Einheimische klagen, es sei vor allem ein lebendiger Drogenumschlagplatz. Die Kollegin von der New York University (wer mal dort war, wird sich an die farbigen NYU-Flaggen an vielen Gebäuden rund um den Washington Square Park erinnern) erzählte, dass sie von der Uni-Verwaltung gelegentlich Warnmeldungen auf ihre App bekommt, die zur Vorsicht in den Abendstunden raten. Bei meinen Besuchen tagsüber war der Platz allerdings vorwiegend von Touristen bevölkert. Als es noch warm war, hatte ich dort eine Weile mit meinem Laptop gesessen und war mit einem ehemaligen akademischen Mitarbeiter der School of Law ins Gespräch gekommen, der gerade frisch in den Ruhestand getreten war und nun die Tage damit verbrachte, ausgedehnte Fahrradtouren durch New York zu machen. Er gab mir ein paar Tipps für gute Routen und riet, dass ich mir – statt mich auf die Leihfahrräder von Citi Bike zu verlassen – doch lieber ein vernünftiges Fahrrad für die Zeit meines Aufenthalts kaufen und weniger Emails beantworten solle. Dann schwang er sich auf sein Rennrad und verschwand Richtung Hudson.

Der Vortrag im Department of Music der NYU, den ich letzte Woche hörte, hat mich begeistert. Er passte gut zu einem Forschungsprojekt an der Uni Köln, an dem ich beteiligt bin und das sich mit der Frage beschäftigt, wie sich Künstler mit der Klimakrise auseinandersetzen und was die Musikpädagogik angesichts der ökologischen Herausforderungen tun könnte. Brian House, Professor am Amherst College in Massachusetts, berichtete von seiner Arbeit mit Macrophones, die er baut, um Infrasounds einzufangen, die zum Beispiel von schmelzenden Gletschern, Waldbränden oder Meeresströmungen herrühren und sich noch viele tausende von Kilometern entfernt erfassen lassen. Er beschleunigt die Frequenzen um das 60-fache, wodurch immer noch sehr tiefe, aber wahrnehmbare Klänge entstehen. Sehr faszinierend. Seine Macrophones haben auch etwas von Skulpturen, die er eine Weile an verschiedenen Orten in der Natur aufstellt und Menschen einlädt, on-site den Geräuschen der Erde, auch weit entfernten zu lauschen. Vielleicht macht es etwas mit uns, wenn wir die Klimakrise hören können, hoffte er im Vortrag. Aber mehr noch als seine politisch-klimaaktivistische Motivation wurde sein ästhetisches Interesse an ungewöhnlichen Klängen deutlich und seine ingenieurhafte Freude an technischen Fragen, worin seine Herkunft als elektronischer Soundtüftler erkennbar wurde. Er kündigte die Veröffentlichung einer Schallplatte an. Ich werde seinen Internetauftritt verfolgen. Leider hatte ich keine Zeit, im Anschluss mit ihm ins Gespräch zu kommen, weil ich schnell losmusste zu der Veranstaltung an dem Ort, den bislang niemand erraten hat.

Das heutige Fotorätsel zeigt gigantischen roten Christbaumschmuck, den jemand in einem Brunnen an der Straße hat liegen lassen, vielleicht nach dem Besuch des Holiday Markets am Columbus Circle, den ich nachher noch aufsuchen will. Ob die Kugeln für einen dieser großen Weihnachtsbäume in der Stadt bestimmt waren? Das würde passen. Wo finden sich die Kugeln?

Es darf spekuliert werden. (GoogleMaps hilft)
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