“Jetzt habe ich es. Das ist der Christmas Shop in Little Italy, Mulberry Street, … was es alles so gibt”. Die Lösung des gestrigen Adventsrätsels stimmt. Der Laden steht vermutlich nicht auf der Liste der zentralen New York-Attraktionen bei Aufenthalten im  Sommer. Dass man von China-Town nach Little Italy wechselt, kann man in diesen Tagen nicht nur an den Aufschriften an den Geschäften und am Angebot der Speisekarten erkennen, sondern auch an der Veränderung im Straßenbild durch die plötzliche Zunahme von Weihnachtsdekoration überall.

Ich versuche, jede verbleibende Minute auszunutzen, obwohl schon wieder Gutachten geschrieben werden müssen. Gestern Abend war ich noch einmal in einem Jazz-Konzert, hier in Harlem, gemeinsam mit einer Gruppe von visiting scholars aus Germany, die sich in ihrer Zeit im Herbstsemester im schon erwähnten Philosophie-Department der Columbia kennengelernt hatten. Für alle ein Abschiedsabend, alle auf dem Absprung. Nur eine will noch die Weihnachtstage in New York verbringen und fliegt erst in der Sylvesternacht zurück. Das ist ein eher ungewöhnlicher Reisetag, finde ich, aber möglicherweise läuft das Visum zum Jahresende aus. Ich habe nicht nachgefragt. Fast alle schienen hin- und hergerissen, bedauern, dass der Aufenthalt endet, und freuen sich, zurück nach Deutschland zu kommen. Worauf freut ihr euch? Der Masterstudent und ich teilten das Klischee, dass wir uns auf deutsches Brot freuen. Einige nannten guten französischen und italienischen Käse. Den gibt es zwar überall in New York, aber wegen der fantastischen Preise hatten die meisten für einige Monate darauf verzichtet. Was werdet ihr vermissen? Mexikanisches Essen. Das konnte ich nachvollziehen. Das Angebot ist riesig hier, aber ich hatte mich nie in ein mexikanisches Restaurant getraut, auch weil ich die aus Deutschland in schlechter Erinnerung habe. Zu käselastig und Mais aus der Dose. Dabei hatte ich gelesen, dass ein Taco-Imbiss in Mexiko erst kürzlich einen Michelin-Stern bekommen hat. Das steht in Widerspruch zu meinen deutschen Erfahrungen. Leider erst vorige Woche hatte mein Nachbar mich nach dem Tanztheater zu einem kleinen unauffälligen Laden an der 116sten geführt, eher ein Imbiss, in dem die Köchin nur Spanisch sprach und vor unseren Augen verschiedene Tacos zubereitete, wie ich sie noch nie gegessen habe. Sensationell. Dazu gab´s eine mexikanische horchata aus Reismilch mit Zimt. Kannte ich auch noch nicht. Ich muss umdenken und mich bei allen mexikanischen Köchen und Köchinnen entschuldigen für meine jahrelange Ignoranz. Auf der Suche nach einer offenen Bar nach dem Jazzkonzert war auch eine Kalifornierin dabei, die längere Zeit in Deutschland gelebt hatte und mich gut verstehen konnte. Sie habe sich oft gewundert, was jenseits des Atlantik als mexikanisches Essen durchgeht. Mal sehen, ob es Gegenstimmen und Restauranttipps in den Kommentaren gibt.

Bill´s Place, an der 133sten in Harlem, ist einer der kleinen speakeasy Jazz-Keller in New York. In so einem speakeasy lebt nostalgisch die Zeit der Prohibition fort, als man an der Tür klingeln musste und ein Passwort brauchte. Für Bill´s Place kann man inzwischen Karten im Internet kaufen, aber eine Sache ist wie in den 20er Jahren: Die Bar hat keine Alkohol-Lizenz. Heutzutage wird allerdings nichts unter dem Tresen verkauft, sondern die Gäste werden per Email aufgefordert, ihren Wein selbst mitzubringen. Es gibt Wasser und Soft Drinks und für die Plastikbecher darf man spenden. Hier wurde Billy Holiday entdeckt, heißt es auf dem Schild an der Tür. Tatsächlich hat man das Gefühl, sie könne gleich vom Tisch beim Tresen aufstehen und auf die Bühne kommen (eine Künstler/innen-Garderobe gibt es nicht). Klar, die Ursprünglichkeit wird für die Touristen inszeniert und dafür werden Geschichten aus der Geschichte des Clubs erzählt und ein paar Bluesnummern aus alter Zeit in das Bebop-Programm eingestreut. Aber die Inszenierung kommt ohne light show und Multimedia aus und hat eine Aura von Alltäglichkeit. Wir sind zu Gast bei Musikern, die sich selbst spielen, indem sie das machen, was sie immer machen. Dabei freut sich der Chef, der Saxophonist Bill, der zwar nicht mit Billie Holiday aufgetreten ist, aber immerhin mit Pharao Sanders und Roy Ayers gespielt hat, dass die Geschichte weiter geht und lobt nach jedem Stück das neue Bandmitglied am Kontrabass. Ich bin auch beeindruckt von dem jungen graduate studentsecond year an der Manhattan School of Music, weil es kein festes Programm gibt, sondern nach jedem Stück spontan entschieden wird, was als nächstes kommt, und für den Bassisten schnell ein lead sheet rausgesucht wird. Die jungen Leute haben so eine gute Ausbildung, freut sich Bill, die spielen alles vom Blatt. Die Suche nach einer Bar in Harlem mit Alkoholausschank nach dem Konzert war vergeblich. Die meisten machten um 23 Uhr zu, die wenigen noch offenen waren völlig überfüllt und wir wurden nicht reingelassen. Vielleicht lag es auch daran, dass wir nicht das richtige Passwort kannten. 

Ständig heißt es Abschiednehmen. Vor einigen Tagen war ich zusammen mit meinem Nachbarn ein letztes Mal eingeladen bei den Kolleg/innen an Morningside Drive. Ich habe Pasta-Salat mit Pesto, Rucola, Parmesan, Pinienkernen und Basilikum gemacht und mitgenommen, denn den hatten sie am election day verpasst, weil sie sich zuhause verkrochen hatten. Auch vom Arts and Craft Beer Parlor an der Columbia habe ich mich verabschiedet. Das war einer der ersten Läden, in die ich eingekehrt bin, um die Atmosphäre in der Uni-Gegend aufzusaugen, damals noch draußen bei sommerlichen Temperaturen. Zur Einstimmung auf Deutschland habe ich diesmal nicht Burger, sondern eine Pretzel bestellt. Eigentlich hatte ich mich auf das Sauerkraut gefreut, aber das war eine sehr kleine Portion, so klein wie die beiden Senfsorten, die es dazu gab. Interessante Interpretation deutscher Küche. Dafür war die Bretzel sehr groß.

Für Abschiede braucht es Rituale. Im vornehmen Veranstaltungsraum des Teachers College hatte in den letzten Tagen – wie jedes Jahr um diese Zeit – ein Pop-up-Shop aufgemacht, in dem Mitarbeiter/innen und Alumni Merchandising-Artikel verkaufen. Das ist sehr beliebt am Ende des Semesters. Es gab eine lange Schlange von Studierenden, die nach Semesterabschluss eine Erinnerung mit nach Hause nehmen wollen, ein T-Shirt, Sweatshirt oder eine Jacke mit TC-Aufschrift und Logo. Ich habe mich auch angestellt und eine Kappe und eine Kaffeetasse für meine Sammlung erworben und dann noch kurzentschlossen einen Rucksack, um die Sachen nachhause tragen zu können. Ich hätte auch noch den Regenschirm nehmen sollen, denn auf dem Heimweg hat es ziemlich geschüttet.

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, keine Bilder von Weihnachtsbäumen mehr zu machen. Meinem iPhone ist schon ganz übel von den vielen Weihnachtsbaumfotos. Aber diesen hier fand ich dann doch irgendwie besonders und wähle ihn hiermit für das heutige Rätsel aus:

Wer weiß, wo der steht? Um es etwas leichter zu machen, ergänze ich noch ein Foto, das gleich um die Ecke entstanden ist. Ich hatte dort kurz überlegt, ob ich einen Adventskranz kaufen und mitnehmen soll, für die letzten verbleibenden Adventstage in Deutschland, habe dann aber davon Abstand genommen. Auch diejenigen, die noch niemals in New York waren, können auf dem Foto vermutlich einen Hinweis entdecken.

Ich freue mich auf Lösungsvorschläge.

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