Die Antwort „Das müsste am Fuß der Brooklyn Bridge sein“ lasse ich gerne gelten, obwohl sich der Christbaum aus Leitkegeln (den Fachbegriff musste ich nachschlagen) genau genommen DUMBO befindet, was die Abkürzung für „Down Under the Manhattan Bridge Overpass“ ist. Die beiden Brücken stehen mit ihren Füßen ja ungefähr an gleicher Stelle. Die Adventskränze hätte es in der Washington Street gegeben, in der gerne Fotos mit Manhattan Bridge View gemacht werden. Ich bin danach tatsächlich tapfer in eisiger Kälte die beliebte Strecke über die Brooklyn Bridge gelaufen, zusammen mit hunderten anderer tapferer Menschen.

Nun wird die Zeit knapp. Die Koffer müssen sehr sorgfältig gepackt werden, weil ich leider zu viele Dinge gekauft habe hier in New York. Matratze, Kissen und Bettdecken mitsamt sheets bleiben hier. Meinem Nachbarn will ich noch eine Postkarte mit Gruß in den Briefkasten werfen; er ist schon vor zwei Tagen nach Taiwan aufgebrochen. Und dann muss ich noch allen eine kurze Nachricht schreiben, mit denen ich über meine Columbia-Emailadresse kommuniziert hatte, denn die wird morgen stillgelegt. Und wenn noch Zeit ist, muss ich mich den Gutachten widmen, zur Not auf dem Weg zum Flughafen oder am Gate. Dabei wollte ich an dieser Stelle eigentlich noch von vielen anderen spannenden Vorträgen berichten, die ich mir angehört habe in den letzten Wochen. Das schaffe ich alles gar nicht mehr. Aber wenigstens von meinem Schulbesuch an der Columbia Secondary School soll noch kurz die Rede sein. Ich hatte lange darum gekämpft, eine Schule besuchen zu dürfen, um dort Feldforschung zu machen. Die Sicherheitsauflagen sind streng. Der background security check kann ewig dauern. School schootings sind eine ständige Sorge. Ohne meine Teachers College affiliation hätte ich keine Chance gehabt. Aber so durfte ich mir am Ende meines Aufenthaltes noch anschauen, wie eine Musiklehrerin (selbst TC-Absolventin) in zwei 6. Klassen mit dem Programm Soundtrap arbeitet. Die war nett, hat sich Zeit genommen und mir alles erklärt. An der Schule war ich schon einige Male vorbeigelaufen, sie liegt ganz in der Nähe. Am Tag meines Besuchs musste ich mich natürlich zunächst der security-Mitarbeiterin am Eingang vorstellen, aber die war gut gelaunt und ich war angekündigt und stand auf ihrer Liste. Das Besondere an der CSS ist, dass es sich zwar um eine öffentliche Schule handelt, die aber durch ihre Anbindung an die Columbia-Universität bei Eltern beliebt ist. Public schools haben sonst einen eher schlechten Ruf. Anbindung heißt, dass ausgewählte Schüler*innen Kurse an der Universität belegen können und dass Fachdidaktiker/innen gemeinsam mit dem Kollegium Lernsettings entwickeln, insbesondere im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich, der hier STEM heißt. Die Musiklehrerin würde gerne erreichen, dass ihre Schule eine STEAM-Ausrichtung hat, das Kürzel gibt es auch und es schließt die Künste mit ein, womit kreatives und kritisches Denken gefördert werden sollen (was ja auch den Naturwissenschaften nicht schaden kann, finde ich). Aber auch ohne das Label gibt es Angebote in den künstlerischen Fächern (das ist nicht überall so) und in der Middle School-Abteilung (Klasse 6 bis 8) ist Musik ein Pflichtfach. Die Lehrerin hat in der Pandemie den Unterricht komplett auf die Arbeit mit der Musikproduktionssoftware Soundtrap anstelle von Keyboard- und Chorklassen umgestellt. Dadurch kann sie auch Schüler/innen motivieren, die an Musik eigentlich kein so großes Interesse haben, erklärt sie mir. Es ist eine sehr gemischte Schülerschaft, weil die Kinder aus einem großen Umkreis kommen. Dazu muss man wissen, wie wichtig die Unterscheidung von public schools und private schools in den USA ist. Ich hatte davon schon vorher gehört, aber die große Bedeutung erst während meines Aufenthaltes in den letzten Monaten so richtig verstanden. Wer es sich finanziell erlauben kann, und es ist teuer, schickt seine Kinder auf eine gut ausgestattete Privatschule, auch wenn das mit einem längeren Anfahrtsweg verbunden ist. Alle anderen gehen auf öffentliche Schulen, die mit wenigen Ausnahmen notorisch unterfinanziert sind. Für die Ausstattung des Musikraums musste sich die Musiklehrerin um private Spender bemühen, der Staat hat kein Geld dafür. Wegen der Columbia-Anbindung und dank ihres Engagements war das glücklicherweise kein Problem: Flügel, Percussion, Keyboards, Verstärker usw. sowie der Klassensatz Laptops waren schnell beschafft. Dass in dem deutschen Bundesland, in dem ich wohne, alle Schüler/innen ein iPad zur Verfügung gestellt wird, fand die Musiklehrerin vorbildlich. Von den Problemen, die es damit gibt, habe ich nicht angefangen zu erzählen. Dafür habe ich berichtet, dass wir in Deutschland zwar kaum Privatschulen haben, aber auch (mindestens) zwei Formen von secondary schools mit ähnlichen Unterschieden in der Schülerschaft. Ich habe aber bald aufgegeben. Daran, das deutsche Schulsystem zu erklären, scheitere ich im Ausland seit Jahren. Die Schüler/innen arbeiteten in den Stunden, die ich mir anschaute, individuell, jede/r mit eigenem Laptop. Die Aufgabe war, Drum-Sounds auszuwählen und einen Beat im Dreiviertel-Takt zu programmieren. In welchem Kontext die Aufgabe stand und wie das funktionierte, erzähle ich dann besser mal irgendwann auf einer Fachtagung.

Beim Abarbeiten der Liste von vor-der-Abreise-noch-zu-erledigen-Dingen ist mir aufgefallen, dass ich an einem Gebäude zwar schon häufiger vorbeigegangen und gefahren war, aber nie reingegangen bin. Dafür habe ich mir vorgestern und gestern noch jeweils drei Stunden Zeit genommen. Dabei ist, ich bitte alle LeserInnen und mein iPhone um Entschuldigung, doch noch ein weiteres Weihnachtsbaum-Foto entstanden. Der wird da jedes Jahr aufgebaut, wobei es genau genommen um die Figuren geht, die mit viel Liebe drumherum aufgestellt werden. Wem kommt der Raum bekannt vor? Wo könnte das sein?

Diejenigen, die noch nie in der Adventszeit in New York waren, erkennen vielleicht trotzdem das Gebäude von außen.

Hier noch ein Tipp, bevor ich mich weiter um die Koffer kümmere. Alles am gleichen Ort. Morgen melde ich mich aus Deutschland mit Auflösungen. Dann endet dieser Adventskalender und Ihr müsst Euch wieder mit Schokolade hinter Türchen begnügen.

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