Autumn in New York

Von Anfang September bis Mitte Dezember 2024 habe ich die Gelegenheit, als Gastwissenschaftler am Teachers College der Columbia University in New York mit einigen wunderbaren KollegInnen zusammenarbeiten zu dürfen. Diese Seite ist ein Blog, auf dem ich in dieser Zeit einige Eindrücke festhalte, um nicht in vielen Nachrichten an einzelne Menschen immer wieder das Gleiche schreiben zu müssen. Meine Absicht war es, die Stimmung vor und nach der Wahl aufzufangen, auf der Straße und im akademischen Milieu. Das mischt sich mit persönlichen Beobachtungen aus dem nicht nur universitären Alltag.

Harlem

Es gibt keinen Grund, in Manhattan zu wohnen, es sei denn, man ist Tourist und will morgens als erster in der Schlange am Empire State Building stehen. Ich bin froh über mein Zimmer in Harlem, keine 10 Minuten Fußweg vom Central Park. Die Gegend um die Columbia University ist bunt und vielfältig. Man könnte auch sagen: Es treffen Gegensätze aufeinander. Am Straßenrand entlang der Lenox Avenue, die auch Malcolm X Boulevard heißt, werden Obst, Gemüse, Hüte, Handtaschen, Sneaker, Kosmetika, Fahrradreparaturen und Street Food aller Art angeboten. Anwohner sitzen vor den Häusern, hören Musik, einige spielen Domino, andere essen Hühnchen, das im Eingangsbereich gegrillt wird. Viele kleine Shops und Delis, der New Harlem Halal Market, Chicken Burger, Pizza, Hot and Cold Sandwiches. Dazwischen eine hochumzäunte Insel: liebevolles Urban Gardening im „Garden of Love“. In den Seitenstraßen viele Browmstones, für Harlem typische Townhouses. Der Morningside Park, mit Treppen steil ansteigend, stellt eine Grenze dar. Oben beginnt eine andere Welt. Auf der Anhöhe ist der Anteil der African-Americans deutlich niedriger. Im Arts and Crafts Beer Parlor gegenüber der Columbia Law School nutzen Studierende am Nachmittag die Happy Hour und an den Tischen davor setzt eine Gruppe von Doktorandinnen mit einem Dozenten die Diskussion aus dem Seminar fort. Ich belausche Gespräche über Karrierechancen und geplante Veröffentlichungen.

Die Hausbewohner, die ich kennenlerne, leben seit langem und gerne hier und schätzen die Nachbarschaft. Man kennt und grüßt sich. Mir werden beste Cafés empfohlen. Gleich um die Ecke gibt es einen Bio-Supermarkt. Manche klagen, die Gegend habe sich in der Pandemie verändert. Die Restaurants haben ihre Außenbereiche auf dem Gehweg nie zurückgebaut. Es liege mehr Müll herum. Es gebe Ratten. Einige sind weggezogen aus New York damals. Vor dem Apollo-Theater kann man T-Shirts mit Kamala Harris Aufdruck kaufen. Doch ich werde auch auf die große Anzeigetafel einer Kirchengemeinde aufmerksam gemacht, die vor Harris warnt und zur Wahl von Trump aufruft. Chief Pastor David Manning erklärt, das sei im wirklichen Interesse der Schwarzen. Im Wikipedia-Artikel lese ich, dass die ATLAH World Missionary Church schon vor 10 Jahren mit ihren abstrusen Verschwörungstheorien Aufsehen erregt hat. Obama sei ein Muslim, der Homosexuelle nach Harlem schicken würde auf der Suche nach schwarzem Fleisch. Seit 5 Jahren steht die ATLAH Church auf einer nationalen Hate Group Liste.

Ich stelle fest, dass Harlem sich bemüht, meine Vorurteile zu bestätigen. Musik ist überall. HipHop kommt aus großen und kleinen Lautsprechern auf der Straße, R&B aus den runtergekurbelten Fenstern der Autos an der Kreuzung und Soul erklingt im Drogeriemarkt um die Ecke, der hier pharmacy heißt und in dem viele Angestellte tätig sind, um den Kunden auf Bitten die Vitrinen aufzuschließen, in denen Duschgel und Toilettenpapier diebstahlsicher aufbewahrt werden. Als der Verkäufer im Matratzengeschäft erfährt, dass ich Musiker bin, hält er mir begeistert einen Fachvortrag über die Ursprünge mexikanischer Musik in der europäischen Polka. Nein, er spiele leider kein Instrument, aber seine Eltern, die seien aus Mexiko, er höre viel Mariachi. Im Kaufhaus Marshalls nebenan gibt es keine VerkäuferInnen. Hier hat man sich auf das untere Preissegment spezialisiert. Die Abteilung für Halloween-Bedarf ist gut sortiert. Bettwäsche zu kaufen, erweist sich als Herausforderung. In Internet-Foren erfahre ich von kulturellen Unterschieden. Ich lese von flat sheets und fitted sheets und Comforter-Sets. Die Größe Twin ist offenbar Kindern und Jugendlichen vorbehalten. Ich wühle mich durch Bettwäsche mit Gespenster-, Spinnen-, Fledermausmustern. Am Ende werde ich fündig, um zuhause festzustellen, dass der Bettbezug nur ein zweites Laken ist. Vor meiner nächsten Auslandsreise buche ich ein interkulturelles Training.

Auch auf den ÖPNV hätte ich mich besser vorbereiten können. Die MetroCard für Subway und Bus gibt es in einer 7-Tage-Version, aber nicht mehr lange, wie ich lese. Jüngst wurde das OMNY-System eingeführt, das ich nicht ganz verstehe. Dabei ist es im Grunde einfach, weil ich nur meine Kreditkarte an die Absperrung zum Bahnsteig halten muss. Irgendwie werden dann meine Fahrten zusammengerechnet und am Ende bekomme ich einen Rabatt oder so. Die Entfernungen sind andere als in den deutschen Städten, in denen ich mich überwiegend bewege. Aus Erfahrung lerne ich schnell den Unterschied zwischen Expresszügen und lokalen U-Bahnen, die ständig halten und ewig brauchen. Das wird vermutlich in jedem Reiseführer erklärt, den ich aber nicht gekauft habe, weil ich ja kein Tourist bin.

Am Dienstag treffen Trump und Harris aufeinander. Davon ist viel die Rede. Die Debatte müsse man schauen, sagt mein Kollege am Nachmittag in seinem Seminar an der Universität. Eine Art staatsbürgerliche Pflicht. Er selbst fürchtet sich vor dem Ereignis und hat im Grunde keine Lust. Vielleicht hätten wir in den Pub mit dem Namen The Fox gehen sollen, in dem sonst Sportereignisse auf großen Bildschirmen übertragen werden. Der lädt ein: “Join us for The Presidential Debate. 8pm. Beer. Food. Sports. Fun“. Stattdessen schauen wir oben auf der Anhöhe am Morningside Drive in akademischer Runde bei Tomatensuppe und einem Glas Weißwein. Viel entsetztes Kopfschütteln und Lachen, das von der Peinlichkeit mancher Äußerung entlastet, es ist immerhin eine präsidiale Debatte. Am Ende eine gewisse Erleichterung, fast Hoffnung. Ich kündige an, in meinen Aufsätzen künftig von „concepts of a plan“ zu reden, wenn ich nichts Konkretes zu sagen habe. Die anderen überlegen, mit welcher rhetorischen Figur sie im nächsten wissenschaftlichen Vortrag auf den Verzehr von Hunden und Katzen zu sprechen kommen könnten.

Mittwoch ist 9/11. An Ground Zero findet eine Gedenkveranstaltung statt, an der auch Biden, Harris und Trump teilnehmen, werde ich aus Deutschland informiert. In Harlem spüre ich nicht, dass der Alltag unterbrochen wird.

6 Antworten zu „Autumn in New York”.

  1. Man möchte sofort hinterher reisen, am Morningside Drive ein Glas trinken, an der Kreuzung R&B-Beschallung haben (keine Bettwäsche kaufen müssen), an dem ganzen bunten Alltag teilhaben. Bitte weiter schreiben : )

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  2. ….wunderbar: als eingefleischter NYC-Spaziergänger vergangener Tage und oftmaliger USA-Fahrer habe ich vieles wiedererkannt und nicht selten geschmunzelt. Die Anregung, den Terminus „concepts of a plan“ in den Fachdiskurs einzuspeisen gefällt mir ausnehmend gut. Zwischen zwei Tagungen (AEPF und AMPF – liebe Freunde! Ich kann nichts dazu: Die heißen echt so!!) grübele ich also wo das zur Bourdieu-Rezeption in der Musikpädagogik passen könnte….

    Ich freue mich auf die nächsten Einträge

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  3. Avatar von Carsten Schumacher
    Carsten Schumacher

    Spannend, bitte weiter so! Gruß, Carsten

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  4. Lieber Christian, herrlich, wie Du Dich in der Bettwäsche verläufst :-). Und tatsächlich hätte ich Dich auch fragen wollen, ob Du die Debatte in einer der lustigen Kneipen angeschaut hast… Hier wird seitdem viel Hoffnung verbreitet, aber man ist natürlich weiterhin sehr skeptisch, ob das alles auch wirklich gut ausgeht. Ganz liebe Grüße – bis jetzt brauchst Du glaube ich keinen Schal-…..

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  5. … Ja, sehr schön beschrieben! (Hatte ich ungeübt schon in einer E-Mail geschrieben) Aber was anderes:

    in der ZEIT Nr 34, S.34 beschreibt Prof. Ester Fuchs in einem Interview einen ausgeprägten Antisemitismus und die Gründung einer Task Force dagegen im vorigen Semester. Bekommst Du davon etwas mit?

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  6. PS: Fuchs von der Columbia University

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