
Der Name des Blogs „Autumn in New York“ trifft erst seit heute zu. Bislang war Sommer in New York, jeden Tag Sonne und am Nachmittag erreichte das Thermometer zuverlässig 25 Grad, oft mehr. Vorgestern Abend noch konnte man bis spät im T-Shirt durch den Central Park laufen. Eben habe ich im Schrank nach einer Jacke gesucht. Zum ersten Mal hatte die Wetter-App, auf die ich morgens aus Gewohnheit schaue, Neuigkeiten zu melden. Ich lasse mich weiterhin in Celsius informieren. Nur die Klimaanlage zwingt mich, in Fahrenheit zu denken, aber inzwischen sinken die Temperaturen nachts glücklicherweise auf 60 Grad, so dass ich keine künstliche Kühlung mehr brauche. Es muss nur rechtzeitig gelüftet werden. Zum Schlafen bleibt das Fenster besser zu, denn der New York Soundtrack mit heulenden Sirenen und Musik aus vorbeifahrenden Lautsprechern ist hier in der Gegend recht laut. Als ich letztens eine Zoom-Konferenz bei geöffnetem Fenster begann, war trotz verwischtem Hintergrund bald klar, dass ich weder in meinem Kölner noch in meinem Saarbrücker Arbeitszimmer sitze.

Da ich nach fast drei Wochen immer noch keine University ID Card und damit keinen Zugang zum von der Columbia-Security gut bewachten Campus habe, arbeite ich bevorzugt auf Parkbänken und werde das weiterhin so lange tun, wie es die Witterungsverhältnisse zulassen. Der auch in den USA sehr sorgfältig arbeitenden und formularreichen akademischen Verwaltung habe ich es also zu verdanken, dass ich schon viele verschiedene New Yorker Parks und ihre Sitzgelegenheiten kennenlernen durfte. Andere machen es ähnlich. Hunde und Jogger sind zwar öfter, aber ein Laptop ist kein Fremdkörper in den zahlreichen New Yorker Grünanlagen. Gerne komme ich übrigens dem in verschiedenen Leserzuschriften geäußerten Wunsch nach, mehr Bilder zu integrieren. Das also ist Harlem:

Ich muss diesen Blogeintrag mit einer Bitte um Entschuldigung und einer Richtigstellung beginnen. Irrtümlich schrieb ich beim letzten Mal, dass ich gerne in Harlem statt in Manhattan wohne. Mein seit etwa 30 Jahren einheimischer Nachbar reagierte empfindlich, als ich dies erzählte und korrigierte mich streng. Ich hatte die Perspektive hochnäsiger Bewohner der Viertel Downtown übernommen, für die Manhattan lange Zeit an der 96. Straße endete, nicht ohne rassistischen Beigeschmack. Das Harlem Meer liegt also in Manhattan.

In den North Woods des Central Parks erklingt die Klangkulisse der Stadt nur noch von fern. Dafür hat ein DJ am The Loch seinen Tisch aufgebaut und verwandelt den Wald in einem Radius von 30 Metern in einen Club. Es ist aber niemand zum Raven da im The Ravine, wie das kleine Tal mit dichtem Baumbestand heißt. Ein Stück weiter am Wasserfall sitzt auf Felsen ein Pärchen und trotzt den Mücken. Eine Bank finde ich auf einer Lichtung, wo ein Tenorsaxofonist seine Skalen übt und Jogger im Kreis laufen. Ich will hier gestehen, dass dies ein komprimierter Bericht von Begegnungen an mehreren Tagen ist. Das nachmittägliche Leichtathletik-Schulsport-Training fand erst mehrere Tage später statt. Der Coach kommandierte die Jugendlichen trillerpfeifend von der Mitte des Great Hill, wie die Wiese mit Rundlauf in Google Maps verzeichnet ist, wobei sich einige ehrgeiziger zeigten als andere. Übrigens vermute ich, dass die Maps-Beschreibung „Anhöhe mit Bäumen und Blick auf Downtown“ im Winter entstanden sein muss. Noch sieht man hier nicht weit durch das Laub der Bäume. Ich bleibe am Picknick-Tisch sitzen, bis die Schülerinnen und Schüler und ihr Coach längst weg sind, die Laternen angehen und es angenehm kühl wird. Dass sich in Europa das Gerücht hält, der Central Park sei nachts gefährlich, wird von den Menschen hier, denen ich davon erzähle, mit nachsichtigem Lachen quittiert. Lange her. Als ich im Dunkeln nach Hause gehe, bin ich trotzdem froh, dass ich mir die Spielfilme und Serien nicht angeschaut habe, von denen mir vor meiner Reise erzählt wurde (es war eine Warnung).
Tagsüber herrscht auf den Joggingstrecken dichter Verkehr. Bei meiner sonntäglichen Laufeinheit werde ich von sehr vielen Menschen überholt. Auf der Hauptroute, dem West Drive, auf dem vor einigen Jahren noch Autos durch den Central Park fuhren, sind neben gemächlich radelnden Touristen auf geliehenen Citi Bikes außerdem eilige Rennradfahrer auf einer eigenen Spur unterwegs und kündigen sich von hinten rufend an.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich dem falschen Eindruck vorbeugen, ich sei zum Urlaub machen hier. Wenn ich weite Fahrten mit der Subway in Kauf nehme, um die vielen anderen Parks der Stadt zu erkunden, geht es stets um die Suche nach geeigneten Arbeitsplätzen. Auf dem Weg von der Bahnstation zum Prospect Park in Brooklyn schenke ich deshalb den wunderschönen Townhouses kaum Beachtung, gerate aber in ein Nachbarschaftsfest mit Grill, Spielen und Planschbecken für die Kleinen auf der Straße, durch die heute kein Auto fahren kann. Drei der Nachbarn spielen vor dem Haus La Bamba auf Schlagzeug, Keyboard und E-Bass mit Gesang. Ich mache ein paar Fotos und gehe einige Blöcke weiter, wo ein Anwohner vor dem Haus einen kleinen Flohmarktstand aufgebaut hat, vorwiegend mit seinen alten Vinyl-Platten. In der Kiste einsortiert hinter Aufnahmen der Musicals A Little Night Music von Sondheim und South Pacific hat der Bodensee-Madrigalchor seinen Weg nach Brooklyn gefunden, um Brahms zu singen. Unter den sorgfältig aufgereihten Covern auf der Eingangstreppe zum Brownstone entdecke ich Kenny Rogers in der Reihe vor Oklahoma. Eine bunt malerische Mischung.

Die Liegewiese im Park ist gut gefüllt. Hängematten zwischen den Bäumen, Spaziergänger mit Hunden, Gruppen junger Menschen spielen Ball, Familien grillen, die beiden orthodoxen Juden neben mir auf der Bank sind nach meinem Empfinden etwas zu warm gekleidet für das Sommerwetter. Am Parkausgang versuche ich mit zerbrechlichem Plastikbesteck verzweifelt, die vielen kleinen Geflügelknöchelchen aus dem Jamaica Jerk Chicken mit Reis in Aluminiumschale auszusortieren.
Noch weiter ist die Anreise zum Governor´s Island, das bis vor einiger Zeit Militärgelände der Küstenwache war. Auf der Fähre bewundern Touristen den Blick auf Manhattan, aber weil Sonntag ist, sind auch viele Einheimische unterwegs. Familien mit Kindern steuern den Abenteuerspielplatz an, der vom Nolan Park aus gut zu hören ist. Das kleine Areal liegt idyllisch inmitten einer historischen Kasernenanlage und bietet viele zum Arbeiten geeignete Picknick-Tische. Das freie Insel-WiFi ist allerdings etwas schwach.

Wenn ich auf einer Bank im Morningside-Park sitze, der hoch zur Columbia führt, muss ich sowieso meine mobilen Daten nutzen. Während ich heute auf den beschwerlichen Anstieg über die Treppen zur Universität verzichte und sich meine morgendliches Krafttraining darauf beschränkt, den Laptop auszupacken und aufzuklappen, nutzen einige Anwohner die Metallstangen der Spielplatzgerüste vor mir zum Street Workout, was ich mir mit gebührendem Respekt anschaue. Sollte ich mir das zum Vorbild nehmen? Klar ist, dass ich noch einiges an Muskelaufbau nachholen müsste. Ganz so öffentlich möchte ich damit nicht beginnen.
Zugegeben, es wird nicht immer gearbeitet. Gleich in meiner ersten Woche spielt Eddie Palmieri auf einer der letzten Picknick-Performances des Jahres im Bryant Park. Der fast 90-Jährige wird vom Publikum gefeiert. Kuratiert wurde das Programm an diesem Tag von Harlem Stage. Viele tanzen Salsa auf der Wiese. Am Stand besorge ich mir ein Portion Soul Food. Zum Chicken gibt´s Mac and Cheese mit Grünkohl. Am nächsten Tag bin ich gleich nochmal da für das Afro-Latin Jazz Orchestra. Es ist nur eine halbe Stunde Bahnfahrt bis zur 42ten Straße. Trotz des Namens der Big Band sind es an diesem Abend abgesehen von der Sängerin ausschließlich weiße Musiker, die ziemlich verrückte Arrangements von James Bond Filmmelodien spielen. Der Sauvignon Blanc im 0,1 cl Pappbecher kostet 16 USD plus Tip, aber er passt zur Musik. Martini gibt’s leider nicht.

Für einen größeren Ausflug bei schönem Wetter wurde mir der kleine rote Leuchtturm unterhalb der George Washington Bridge empfohlen. Das ist ein gutes Stück nach Norden, in der Höhe von Washington Heights, 177ste Straße. Im Riverside Park am Hudson. Mit dem Fahrrad gut zu erreichen. Es ist Sonntag und wenig los auf den Straßen. Der Leuchtturm wirkt wirklich sehr klein unter der großen Brücke. Hier kann ich mit Blick auf New Jersey in Ruhe einige dieser Zeilen schreiben. Hinter mir wird Tennis gespielt. Ein Stück weiter hat eine große Familie einen riesigen Grill aufgestellt. Keine Ahnung, wie die den hier unten ans Wasser gebracht haben. Eine Straße sehe ich nicht. Auf der Bank neben meiner macht ein Parkgärtner eine ausgedehnte Pause. Auf dem Wasser sind ein Kajak, ein Segelboot und ein kleines Motorboot zu sehen, schon fast drüben am anderen Ufer. Viele Spaziergänger, zahlreiche Jogger (wie überall). Die Rennradfahrer hatten es oben auf dem Riverside Drive leichter voranzukommen. Am Uferweg geht es bilingual zu: Eltern sprechen mit ihren Kindern spanisch, diese antworten auf Englisch. Eine Erklärung gibt es, wenn man vom Riverside Park den Weg über die Bahnstrecke und unter dem Highway hindurch nach oben in die Washington Heights findet. Dort komme ich in der so genannten Kleinen Dominikanischen Republik an.

Die Straßenmarktstände sehen ähnlich aus wie in Harlem – nur dass die Schilder hier auf Spanisch beschriftet sind. Es ist eine Gegend, in der das Medical Office Officina Medica heißt und die Zeitung, die man sich aus einer gelben Box am Rande eines kleinen Platzes kostenlos nehmen kann, den Titel „El Especialito“ trägt und unter der Überschrift „Latinos al Estrellato“ über „El impacto de los híspanos en Hollywood“ berichtet. Die Zeitungsbox der Manhattan Times ein Stück weiter ist zu einem Mülleimer umfunktioniert worden.

Auf dem Platz, der sonst den Tauben vorbehalten ist, bereiten – gleich neben dem Zentrum für spirituelle Kunst und Kultur – Mitglieder der Ortgruppe Bronx County der Republikanischen Partei einen Stand vor. Auf einem kleinen Tisch liegen Unterlagen bereit, auf denen Anwohner sich für die Wahl registrieren können. „Dominicans for Trump“ steht auf einem Schild, dahinter die US-amerikanische Flagge, an der Rückwand des Supermarkts hängt ein Plakat mit den Namen von Trump und Vance. Der Kontext macht klar, dass es sich bei den Dominikanern nicht um Ordensmitglieder handelt. Eine der Helferinnen des lokalen Wahlkampfteams steht in der Mitte des Platzes, gehüllt in ein großes Tuch, auf dem der Präsidentschaftskandidat blutverschmiert die Faust nach oben reckt. „Fight Fight Fight Fight Fight“ heißt es um ihn herum. Zwei Parteimitglieder bauen einen Sonnenschutz auf, während ein dritter einige Klappstühle auspackt und aufstellt.

Das Auto des Teams ist beklebt mit Trump-Plakaten, aber in viel größerer Schrift steht darauf der Name „Ruben Dario Vargas. Un Legislador.“ Ich lese nach und finde auf Deutsch zunächst nur Informationen zum gleichnamigen Schweizer Fußballnationalspieler. Mein Vargas ist langjähriger Politiker, in einem Zeitungsbericht wird er als ewiger Kandidat bezeichnet. Er war bei der Luftwaffe und arbeitete dann bei der New York City Police. In einer Anhörung macht er sich für die Rechte migrantischer Communities stark, bei einer Wahl 2005 setzt er sich für Arbeitnehmerrechte und affordable housing ein. Außerdem für human rights. Fun fact für einige interessierte Leser: In den 80er Jahren arbeitete er in der Kommission for the Assistance to the Chess Developing Country der International Chess Federation. Eine mühselige Recherche in wenig verlässlichem Terrain. Journalisten gilt mein tiefster Respekt. Kann es sein, dass Vargas mal unabhängiger Kandidat war, dann bei den Demokraten und nun sein Glück bei den Republikanern versucht? Es sieht so aus. Seiner Kandidatur gilt jedenfalls die Unterstützung der Dominicans for Trump, die bei Amazon T-Shirts anbieten und auf Insta und TicToc aktiv sind. Das übersteigt meine Feldforschungskompetenz, zumal ich kein Spanisch kann. Ich verlasse das Feld der Cyberethnografie und kehre auf den Platz zurück, wo auf Bänken ältere Anwohner des Viertels sitzen, so wie sie vermutlich jeden Tag dort sitzen. Heute verfolgen sie die Wahlkampfvorbereitungen und warten auf die Ankunft von Ruben Vargas. Eine Polizeistreife schaut vorbei. Ein Mann geht mit seinem Sohn und einer Einkaufstasche vorbei und winkt der Gruppe anerkennend zu. Ein African American übrigens, und am Stand beim Sonnenschirm stehen weitere schwarze Parteimitglieder. Ich halte fest, dass das republikanische Kandidaten-Team auch in New York seine Anhänger hat.
Es sind übrigens mehrere wichtige Ereignisse, die den USA bevorstehen. Das geht hier jetzt auch los:

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