
Dies ist kein Restaurantführer. Wenn ich im Folgenden die Namen einiger lokaler Gastronomiebetriebe nenne, dann nicht um Empfehlungen auszusprechen oder Werbung zu machen. Solche Seiten finden sich ausreichend im Internet. Ich vergebe auch keine Punkte. Doch obwohl mir geraten wurde, lieber selbst zu kochen, um Geld für Konzerte und Theaterbesuche zu sparen, bin ich zu neugierig, was die Stadt jenseits von Dunkin´ Donuts und Tex´s Chicken and Burgers zu bieten hat. Außerdem verbringe ich gerne Zeit in Cafés. Die sind ein guter Ort zum Arbeiten, erst recht jetzt, wo das Wetter schlechter wird und Parkbänke zunehmend weniger in Frage kommen. Während in den meisten Restaurants recht zügig abgeräumt wird, wenn man kein weiteres Dessert bestellt, ist es in den Cafés, die ich bislang kennengelernt habe, akzeptiert, dass die Gäste mit einem Kaffeebecher, der längt ausgetrunken ist, stundenlang weiter sitzen bleiben und lesen und schreiben, als gebe es keine Büroräume in New York. In einigen Kaffeehäusern allerdings scheinen Laptops beliebter zu sein als in anderen. „WLAN friendly“ heißt es in einem Café nahe der Columbia, in dem studentische Arbeitsgruppen ihre Präsentationen vorbereiten. In einem meiner Lieblingsorte dagegen, in The Monkey Cup werde ich als Antwort auf die Frage nach dem Passwort durch eine knappe Kopfbewegung auf das Schild hinter dem Tresen hingewiesen: „No WiFi. Read a book. Make a friend”. In Regalen stehen tatsächlich sehr dekorativ sehr viele Bücher. Die meisten sind allerdings unzugänglich, weil die Regale zu hoch an der Wand hängen – es bräuchte eine Leiter und dann müsste man erst die Tische wegrücken. Die Gäste des Cafés haben fast ausnahmeslos einen Laptop vor der Nase und nutzen ihre mobilen Daten. Der Pavillon, der noch aus Pandemiezeiten schützend vor der Tür am Straßenrand stand, musste auf behördliche Anordnung ausgerechnet zu Herbstbeginn entfernt werden, wo man ihn gebraucht hätte. Die kleinen Holzschemel bleiben tapfer draußen stehen. Manchmal kommt die Sonne raus.

Doch wie soll man in einem Café, in dem die Menschen in ihre Arbeit vertieft sind, wenn nicht Freundschaften schließen, so doch zumindest mit jemandem ins Gespräch kommen, frage ich mich als Norddeutscher. Zum Beispiel, indem man ein Telefongespräch in seiner Muttersprache führt. (Dass Menschen im Café telefonieren, wird übrigens nicht als unpassend empfunden. Einige sind hier zu ihren Zoom-Meetings verabredet.) Dann kann es sein, dass man neugierig angesprochen wird mit der Frage, wo man denn herkomme. Und im Gespräch stellt sich raus, dass die New Yorker Musikerin mit Baby auf dem Arm mit einem Deutschen verheiratet ist und in den nächsten Tagen nach Frankfurt fliegen wird, um mit einem auf Barockmusik spezialisierten Orchester aus Norddeutschland einige Konzerte zu geben. Großartig: Vielleicht bekomme ich bald eine Einladung zum Konzert eines Kammermusikensembles aus Harlem. Es kann auch passieren, dass ein Herr, der mit einem Kindle, aber offensichtlich der sozialen Kontakte wegen ins Café gekommen ist, mich und den neben mir sitzenden Neurologen der Columbia Medical School in ein Gespräch verwickelt und dabei von seiner deutschen Herkunft erzählt, die an seinem Namen erkennbar sei. Er verstehe aber leider kein Deutsch, er sei in den 50er Jahren hier in New York groß geworden und seine Eltern hätten nur Englisch mit ihm gesprochen. Ich verstehe ihn leider schlecht, obwohl er mir direkt gegenüber sitzt, denn die Tische stehen sehr dicht beieinander und es ist laut im Hungarian Pastry Shop an der Amsterdam Avenue, der mir zurecht empfohlen worden war, weil es zu moderaten Preisen leckeren Apfelstrudel gibt, der zusammen mit dem Kaffee am Tisch serviert wird, weil vorne am Tresen zum Warten kein Platz ist. Es ist sehr voll. Erst auf dem Nachhauseweg kommt mir der Gedanke, dass der nette Herr Schaumberger vielleicht Nachfahre von Holocaust-Überlebenden sein könnte und meine Bemerkung, ich habe auch Verwandte, die nach Amerika ausgewandert seien, nicht ganz passend war. Ich suche im Internet nach einer Antwort, finde aber auf einer nach Namen sortierten Seite über Familiengeschichten nur eine Grafik mit der irritierenden Information, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von Mitgliedern der Familie Schaumberger in den USA 1971 am geringsten und 1988 am höchsten war.
Wohl am häufigsten bin ich im Double Dutch Espresso. Das hat WLAN und liegt gegenüber von einem Starbucks, der weniger stark frequentiert ist, was ich gut verstehen kann. Starbucks soll in finanziellen Schwierigkeiten stecken, lese ich in der Zeitung. Im DDE muss ich allerdings am Tresen (wie fast überall) jedesmal ausdrücklich um eine richtige Tasse für meinen Cappuccino bitten, auch wenn schon klar ist, dass ich bleiben und mich an einen Tisch setzen möchte. Die meisten New Yorker scheinen ihren Kaffee am liebsten aus Pappbechern zu trinken, wobei – vielleicht ein Teil der Erklärung – der Latte überwiegend iced getrunken wird.

Viel Unsicherheit bietet das Thema Trinkgeld, das in den USA bekanntlich eine andere Bedeutung hat als in vielen Ländern Europas. Neuerdings scheint auch die einheimische Bevölkerung verunsichert, was – wie mir erzählt wurde – mit der Pandemie und dem technischen Fortschritt zu tun hat. Orientierung bietet die Folge “Why Tipping is everywhere” aus der Podcastreihe The Daily der New York Times. Wenn man die Kreditkarte oder das Telefon vor die allgegenwärtigen Tablets an der Kasse hält, werden drei Optionen angeboten. In der Regel hat man die Auswahl zwischen 18, 20 oder 25%. Oder auch 20, 25 und 28%. Das ist Einstellungssache. Und ein Politikum, seitdem Trump angekündigt hat, bei einem Wahlsieg Trinkgeld steuerfrei zu stellen. Das kommt bei vielen Menschen gut an, höre ich, aber Wirtschaftswissenschaftler und Gewerkschaften sind skeptisch, weil auf diese Weise Betriebe und Arbeitgeber in verschiedensten Branchen motiviert werden könnten, einen Teil der Einnahmen in Form von Tipping zu generieren und stattdessen die Löhne zu senken. Betriebswirtschaftlich gesehen eine gute Idee. Im Podcast wird kolportiert, es sei angeblich schon vorgekommen, dass Kunden an der Self-Service Supermarktkasse nach dem Einscannen der Waren vom Gerät gefragt wurden, in welcher Höhe sie Trinkgeld geben möchten. Da fällt es immerhin leicht, auf „No“ zu drücken, während angesichts des freundlich lächelnden Personals am Tresen ein gewisser sozialer Druck zu spüren ist, der – wie Studien wohl zeigen und ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann – dazu führt, dass meistens die mittlere Option gewählt wird.

In meinem neuen pakistanischen Lieblingscafé Kaafi by Chaiguy kann man allerdings kein Trinkgeld abbuchen lassen. Der Inhaber erklärt mir, dass sein Tablet dies nicht vorsieht. Dafür bezahlt er vermutlich etwas weniger an die Firma, die das Kassensystem betreibt. Neben den üblichen Kaffeespezialitäten gibt es Chai Latte in verschiedenen Geschmacksrichtungen, nach Wahl iced oder hot. Kashmiri gefällt mir am besten. Das Café ist erst kürzlich neu eröffnet worden und wird im Internet gelobt. Auf einem großen Bildschirm an der Wand laufen lautlos Lollywood-Filme aus dem Genre „Liebesdrama mit familiären Konflikten“ – so jedenfalls lese ich die Bilder. An der Straße unweit vom Kaafi steht Mo´s berühmter Foodtruck, vor dem sich zu allen Tageszeiten lange Schlangen bilden. Die Burger sind für New Yorker Verhältnisse sehr günstig. Als es an einem Nachmittag eine kurze Nachfragelücke gibt, ergreife ich sofort die Gelegenheit, mich anzustellen. Es geht fix. Man bekommt ein großes Stück Fleisch („100% Beef“ steht auf einem Schild) und zwei Hälften Burger Buns. Um den Rest kümmert man sich selbst, während die nächsten Kunden bedient werden. Ich schaue, was die anderen sich aus den großen durchsichtigen Plastikboxen nehmen. Senf passt vermutlich besser zu den Hot Dogs, die ich alternativ hätte haben können.

Aus Neugier habe ich kürzlich frittierten Fisch von einem improvisierten Stand auf dem Bürgersteig probiert. Das war auf der 55. African American Day Parade, die schon vor gut zwei Wochen stattfand. Ich war eher aus Zufall hineingeraten. Vormittags hatte ich zunächst versucht, noch Karten für eine eigentlich ausverkaufte Aufführung des National Black Theatre in Zusammenarbeit mit dem Apollo-Theater in Harlem zu bekommen. „The Divining: Ceremonies from in the name of the m/other tree“, ein Stück zum Thema Klimawandel und environmental justice, das auf der Website eine Erfahrung am Schnittpunkt von Kunst, Aktivismus und Spiritualität versprach. Eine Eintrittskarte zu diesem Thema hätte ich gut über unser Kölner Forschungsprojekt EcoLit abrechnen können. Allerdings ist der Eintritt frei oder wäre frei gewesen, denn auch vor Ort gab es keine Karten mehr. Stattdessen beschließe ich, am darauffolgenden Mittwoch die legendäre Apollo Amateur Night zu besuchen, auch wenn die ein Show-Event ist, der sich eher an Touristen richtet. Macht ja nichts. Bin ich ja auch irgendwie. Drinnen sehe ich auf einem Aushang, dass das Apollo-Theater eine Education-Abteilung hat und notiere mir den Kontakt. Klingt interessant. Der Merchandising-Shop hat geöffnet und verkauft Kapuzenpullover mit Apollo-Aufdruck. Dafür erscheint mir das Wetter allerdings noch zu warm. Draußen auf der Straße liegen an Ständen Kappen mit Trump-Schriftzug versöhnlich neben Kappen, auf denen Harris-Walz 2024 steht. Zwischen den T-Shirts mit Aufdrucken des einen und des anderen Teams für die Präsidentschaftswahlen wirbt Usher in rosa für seine Tour 2024.

Es ist mir übrigens schleierhaft, in welcher grammatischen Form ich in einem Reise-Blog, der die Teilhabe an einer gegenwärtigen Erfahrung verspricht, über länger zurückliegende Ereignisse sprechen soll. Wo ist das Lektorat, wenn man es braucht? Ich bitte das Zeitformendurcheinander zu entschuldigen. Mehrfach entschuldigt hat sich gestern auch Tim Walz in der vice-presidential debate. Einmal hätte er fast seine vorgegebene Redezeit überzogen. „I am sorry“. Die Debatte war even-tempered, policy-focused und polite lese ich heute in der Presse. Stimmt, vermutlich haben viele irgendwann abgeschaltet – so wie wir am Morningside Drive. Es fielen Kommentare wie „boring“ und „Wie ein Baseball-Spiel in der zweiten Liga“. Als Sportereignis war die Debatte eine Enttäuschung. Ob man aus dem Verzicht auf persönliche Beleidigungen politische Hoffnung schöpfen kann, ist allerdings fraglich. Im Fahrstuhl bei uns im Haus hatte sich vor zwei Wochen eine Mitbewohnerin noch telefonierend empört, JD Vance würde durch seine Wiederholung der dogs and cats-Geschichten in unverantwortlicher Weise seinen eigenen Bundesstaat in Misskredit bringen. In der New York Times lese ich von Haitianern, die bedroht wurden. Im Radio höre ich einen Bericht über rechte YouTuber, die eigene Recherchen vor Ort ankündigen, weil man der liberalen Presse nicht trauen könne. Neben einer solchen Simulation von unabhängigem Journalismus wirkt seriöse Berichterstattung hilflos. Nun befürchten einige, dass der Kandidat Erfolg haben könnte mit seiner Strategie, Kreide zu essen, um diejenigen, die sich Sorgen machen, auf trügerische Weise zu beruhigen. Andere hoffen darauf, dass die nächsten Äußerungen seines irrlichternden running mate diesen Effekt schon bald zunichte machen werden.

Aber ich wollte eigentlich von der 55. African American Street Parade berichten, in die ich zufällig gerate und aus der es irgendwann kein Entkommen mehr gibt. An der Ecke Malcolm X Blvd. / Dr. Martin Luther King Jr. Bvld. beginnt gerade die Pre-Parade vor einer kleinen Tribüne mit Ehrengästen. Ein Kamerateam filmt kurze Aufführungen von Kindern und Jugendlichen lokaler Tanzschulen. Dazwischen treten einzelne Sängerinnen auf und werden für ihre acapella vorgetragenen Soulstücke vom Publikum gefeiert. Eine Bühne gibt es nicht. Alles findet auf der Straße statt. Neben mir klatschen einige begeisterte europäische Touristen. Die weißen Anwohner Harlems haben sich an diesem traditionellen Festtag der African Americans zurückgezogen, ist mein Eindruck. Hunderte, vielleicht Tausende, ich kann das nicht schätzen, stehen am Straßenrand, als der eigentliche Festumzug beginnt. Weiträumige Absperrungen. Viele haben sich Klappstühle mitgebracht. Ich schiebe mich ein Stück weiter die Straße entlang und esse den erwähnten frittierten Kabeljau, der von den Bewohnerinnen des Hauses hinter dem Klapptisch so überzeugend angepriesen wird, dass ich nicht Nein sagen kann. Das Kaltgetränk kommt aus einer Kühlbox, die schon einiges mitgemacht hat. Musik erklingt aus vorbeiziehenden Lautsprechern, dann kommt eine Gruppe Trommler gefolgt vom Polizeiblasorchester. Die erste Stunde fahren oder laufen die Würdenträger der Stadt vorbei, die „Grand Marshals“ und alle Bezirksbürgermeister. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung schwenken im Festumzug Fähnchen und Banner. Stay strong, unite. Überall ist die Pan-Afrikanische Flagge zu sehen: rot, schwarz, grün. Ich hatte keine Ahnung, wie viele unterschiedliche Einheiten der NYCP es gibt, eine spielt Bagpipes. Auftritt der berittenen Polizei, es folgen die NY State Troopers. Es nimmt kein Ende. Paradierende Polizisten begrüßen ihre Kinder am Straßenrand. Eine Frauentanzgruppe bewegt sich seilhüpfend fort. Es ist ein Volksfest. Nach zwei Stunden wird es dann aber doch langweilig und ich suche einen Weg aus dem Getümmel, um im St. Nicholas Park vor dem Haus von Alexander Hamilton, dem „Grange“, das – wie ich lerne – erst vor 16 Jahren über eine Kirche hinweg hier an diese Stelle gehoben wurde, ein ruhiges Plätzchen zu finden.

Breaking News: Ich habe eine Uni ID und konnte die Karte, die mir Zugang zum Campus verschafft, in Auftrag geben. Allerdings gibt es noch keinen Zugang zum Intranet der Universität. Geduld. „Ungültige Anmeldedaten“ lautet die Fehlermeldung beim Versuch, mich einzuloggen, freundlicherweise auf Deutsch. Nachdem ich zweimal ein neues Passwort erstellt habe, suche ich „Hilfe“ und lesen, dass ich mich an das Helpdesk des Rechenzentrums wenden oder online einen Termin vereinbaren kann. Beides geht allerdings nur vom Intranet aus, nachdem man sich eingeloggt hat. Das kommt mir alles so bekannt vor. Sobald die Karte da ist, werde ich ohne Termin vorbeischauen.

Hinterlasse eine Antwort zu christopherwallbaum Antwort abbrechen