
Nur ein kurzer Eintrag, kurz bevor die ersten Wahllokale schließen. Diese Woche habe ich Besuch aus Deutschland und nicht viel Zeit, dafür glücklicherweise Unterstützung bei der Wahlbeobachtung. In den letzten Tagen rückten Nachrichten über Tornados in Oklahoma und das sonstige Weltgeschehen in den Hintergrund. In den Medien wurde fast nur noch von der hektischen Reisetätigkeit der Kandidat/innen zu immer enger getakteten Wahlkampfauftritten berichtet. In der New York Times und auf CNN konnte ich ausführliche Analysen der vielen verschiedenen, sich oftmals widersprechenden, jedenfalls uneindeutigen Umfragen verfolgen. Keine leichte Aufgabe für die Analysten, vielleicht vergleichbar mit der Herausforderung, die rätselhaften Orakel von Delphi zu deuten.

Wir wollen heute noch durch die Stadt laufen, um Menschen vor Wahllokalen zu beobachten. Befragungen werden wir nicht durchführen, das tun schon andere. Wer das Geschehen live verfolgen will, kann die Election Day Live Updates der New York Times abonnieren. Ich bin den ganzen Tag immer wieder am Bildschirm, auf dem alle paar Minuten breaking news erscheinen. Zeit zu frühstücken. Da mein Besuch sich mit social media auskennt, weiß ich seit wenigen Tagen, dass einer der besten Bagel-Shops New Yorks nur zwei Straßeneck entfernt ist. Am Sonntag mussten wir allerdings feststellen, dass sich das rumgesprochen hat, vermutlich in den sozialen Medien. Ein Anwohner machte entsetzt Fotos von der Schlange vor Bo´s Bagels und äußerte empört die Vermutung, das liege an den Europäern, die jetzt schon nach Harlem kommen würden, um famous Bagels zu kaufen. Das konnten wir bestätigen, wollten aber nicht eine Stunde in der Schlange stehen, sondern beschlossen, uns auf die Suche nach einer gewöhnlichen guten Bäckerei zu machen (und sind schließlich in Williamsburg fündig geworden, wo es sehr gutes französisches Baguette gibt).
Heute ist keine Schlange vor Bo´s Bagels und wir können uns gut versorgt auf den Weg nach Little Italy machen, um für die Wahlparty einzukaufen, zu der wir heute Abend eingeladen haben. Es gibt italienisches Buffet und optimistischerweise steht Champagner im Kühlschrank bereit. Für den Fall, an den niemand denken mag, will mein Nachbar Schnaps mitbringen. Allerdings hat er die Einladung erst nach einigem Zögern angenommen und angekündigt, dass er sich zurückziehen werde, wenn die ersten Ergebnisse Schlimmes befürchten lassen. Eine Kollegin und ein Kollege vom Teachers College haben darum gebeten, spontan entscheiden zu dürfen, ob sie kommen oder ob sie sich lieber in ihrer Wohnung verkriechen, um niemanden sehen müssen am heutigen Abend. Eine andere ist froh, dass sie den ganzen Tag unterrichten muss. Sie komme dann gegebenenfalls später dazu. Vielleicht sind wir zu acht, vielleicht auch nur zu viert. Dann muss ich für die kommenden Tage nichts mehr zu essen einkaufen. Vielleicht öffne ich den Champagner gleich zu Beginn?

Die Atmosphäre ist schon seit Tagen aufgeladen in der Stadt. Eine Kollegin aus dem Teachers College hat für Freitag zu sich nachhause eingeladen. Sie hoffe, dass bis dahin kein Bürgerkrieg ausgebrochen sei, falls Kamala gewinne, heißt es in der Mail. Eher untypisch war dagegen die Begegnung mit einer Nachbarin im Fahrstuhl. Sie erkundigte sich freundlich, ob wir denn schon abgestimmt hätten. Ich begann zu erklären, dass wir aus Deutschland kämen, zwar nicht selbst wählen dürften, aber aufgeregt seien, in diesen bedeutsamen Tagen in den USA zu sein. Ach so, nein, sie meine die Abstimmung der Wohnungseigentümer über die geplanten Renovierungsarbeiten am Dach. Die halte sie für wichtiger.
Diese Einschätzung gibt nicht die nervöse Stimmung der meisten Menschen wieder. Ich lese von election anxiety, mit der viele zu kämpfen haben. Heute Abend ist die Angst jedenfalls größer als vor einigen Tagen, auch wenn es am 31.10. die gruseligeren Kostüme und Dekorationen gab. Aber die Stimmung war ausgelassen und freundlich. Alle wünschten sich „Happy Halloween!“, als sei nichts zu befürchten. An den Tischen auf der Straße vor der Bar Mess Hall, die gleich neben dem Double Dutch Espresso liegt, konnte ich mit vielen anderen Harlemern ab 5 pm die happy hour genießen. Vorbeiziehende verkleidete Kindergruppen mit ihren Eltern, die die schon gut gefüllten Taschen tragen mussten. Zu lautstarkem Hip-Hop gab es Oktoberfestbier. Heute hängen zwar noch Spinnweben zwischen Skeletten und Kürbisgrimassen, aber das ist nicht der Grund für die allgemeine Anspannung.
Jetzt müssen die Tomatensuppe und der Nudelsalat gemacht werden. Die Gäste kommen gleich. Hoffentlich. Mal sehen, wie lange wir durchhalten. Vermutlich nicht lange genug. Morgen wissen wir mehr. Deutschland ist im Vorteil. Da muss niemand lange aufbleiben, sondern man bekommt die Ergebnisse frisch zum Frühstück. Ihr wisst früher Bescheid, fürchte ich.
Ach ja, da war ja noch ein Ereignis. Davon später mehr…

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