
Ein Nachtrag zu The Shed, wo mein Nachbar King Lear angeschaut hat: „The world´s first art amusement park“ war mir als spektakulärer neuer Aufführungsort empfohlen worden. Leider habe ich es selbst nicht geschafft, dort eine Veranstaltung anzuschauen. Im Augenblick läuft Luna Luna, aber da war ich schon 1987 in Hamburg, das muss ich mir nicht noch mal ansehen. Spektakulär ist vielleicht auch gar nicht nur das Programm, sondern die Tatsache, dass es sich um einen fahrbaren Raum handelt, der sich irgendwie aufklappen kann. Das sieht zeimlich cool aus auf der Internetseite. Ich bin immerhin mal außen vorbeigelaufen, um die großen Räder zu fotografieren, und hatte kurz überlegt, das Bild als Adventsaufgabe zu verwenden, aber es ist nicht wirklich adventlich. Die Entscheidung, welche Foto ich nehmen soll (to take a picture), fällt mir schwer. Es gibt so vieles zu beachten bei der Auswahl. Das Anforderungsniveau der Aufgaben sollte angemessen sein: nicht zu leicht, nicht zu schwierig. Man kommt sonst nicht in den richtigen Flow, habe ich bei einer der doctoral student presentations vorgestern gehört. Musikalische Flow-Forschung war viele Jahre ein großes Thema am Teachers College. Für sportliche Rätselaufgaben scheint mir das Konzept sehr passend. Die machen keinen Spaß, wenn die Lösung zu leicht fällt, wie ich mit den folgenden Bildern zeigen möchte.




Eine gewisse Herausforderung ist wichtig. Es soll aber auch niemand entmutigt werden. Und wenn ich zu viele Hilfestellungen geben muss, wirkt sich das schlecht auf die Selbstwirksamkeitserwartung aus, heißt es aus der Lernforschung. Das möchte ich natürlich nicht. „Aber eigentlich hast du gestern ja vorgesagt“, hieß es in einer der Nachrichten, in der eine richtige Antwort gegeben wurde. Das Öffnen der Türchen beim einen Schokoladenadventskalender funktioniert schon bei kleinen Kindern ohne große Hilfestellung, aber das ist ein anderes Belohnungssystem. Viele Menschen mögen Rätsel. Auch die Mathematikdidaktik versucht, den Advent motivational zu nutzen, habe ich im Internet gesehen. Da gibt es viele Seiten mit täglichen Aufgaben. Hier ein Beispiel von Schul-Website, das ich nahen Verwandten widme. Für andere mag es kulturell unzugänglich sein:
„Der Samichlaus und der Schmutzli begeben sich zusammen mit ihrem Esel auf den Weg ins Dorf. Hierzu müssen sie über einen Berg gehen. Bergauf laufen sie mit einer Geschwindigkeit von 4 km/h, bergab doppelt so schnell. Für den Hinweg brauchen sie 2.5 Stunden, für den Rückweg 2 Stunden. Wie lang ist der Weg?“

Das ist natürlich kein Esel, sondern ein weiteres Kutschenfoto. Die Aufgabe ist offensichtlich schwer, vor allem für diejenigen, die noch niemals in New York waren. Der Umgang mit Heterogenität ist eine weitere Herausforderung, vor der ich stehe. Ich werde zum Ort der Kutschfahrten keine weiteren Tipps geben, sondern lasse den 11. Dezember erst einmal offen, biete aber die obige Ersatzaufgabe für alle Ortsunkundigen an. Wer also stattdessen die Rechenaufgabe lösen möchte, ist herzlich eingeladen, das Ergebnis in den Kommentaren zu präsentieren. Mit Lösungsweg, bitte.

Dieses etwas furchteinflössende Foto hatte ich auch als Aufgabe in Erwägung gezogen. Es ist schon in der Vor-Vorweihnachtszeit entstanden, Anfang November, und kommt für den Adventskalender deshalb nicht in Frage, obwohl einige Tage zuvor bereits war das Winter Village am Bryant Park eröffnet worden war. Ihr könnt Euch vorstellen, dass es sehr beliebt war, sich vor die Taube zu stellen und Selfies aus einer Perspektive zu machen, in der sie auf der Schulter sitzt. Das habe ich natürlich auch gemacht, möchte das Ergebnis aber hier nicht zeigen.
Es war übrigens spannend, die Präsentationen der doctoral students of music education am Teachers College anzuschauen. Zwei Nachmittage waren für die Vorträge reserviert und alle ProfessorInnen waren dabei. Vorgestern waren die Fortgeschritteneren dran, mit einem breiten Themenspektrum. Es ging um den Einsatz von Videoaufnahmen im Klavierunterricht, um die Motivation von Grundschulkindern in Streicherklassen und um die Relevanz von neueren Entwicklungen von vocal technology und AI voice effects für die Vokalpädagogik. Den Doktoranden, der gleichzeitig Musiklehrer an einer middle school ist, interessiert insbesondere, wie sich die Erfahrung der sich verändernden eigenen Stimme von Jugendlichen auf die Arbeit in Chören auswirkt und welchen Einfluss die Verwendung von vocal technologies darauf haben kann. Das fand ich interessant. Unter anderem untersucht er, wie das Thema Stimme und Authentizität in sozialen Medien von Jugendlichen verhandelt wird, und er plant Labs, in denen mit vocal technologies gearbeitet wird. Leider darf er als Musiklehrer in New York nicht seine eigenen Schüler:innen beforschen. Das macht es schwierig. Besonders fasziniert aber hat mich ein anderes Promotionsvorhaben zur Rolle und Funktion von College athletics bands für Colleges und deren Sportveranstaltungen. Dabei habe ich den Begriff marching arts zum ersten Mal gehört, ein eigenes Feld künstlerischer Praxis, jedenfalls in Nordamerika. Dass die Football-Teams der Hochschulen in den USA sehr wichtig sind und dass gute Spieler/innen Stipendien bekommen, war mir bekannt. Aber auch für die MusikerInnen der mitreisenden pep band wird bei Auswärtsspielen gerne mal ein eigenes Flugzeug gechartert. Der Leistungsdruck ist groß; Direktor einer solchen College athletics band zu sein, ist ein Zeichen des Erfolgs. Beeindruckt war ich auch von einer Doktorandin, die schon letzte Woche ihr Vorhaben vorgestellt hat, das allerdings noch ganz am Anfang steht. Sie will über die Rolle und Aufgaben eines musical director am Broadway schreiben. Da sie dort selbst als solche tätig ist, hat sie einen guten Zugang zum Feld und kann zudem autoethnographisch arbeiten, d.h. von ihren eigenen Erfahrungen erzählen. Damit hat sie am vergangenen Dienstag angefangen und die vielen großen Produktionen genannt, die sie schon geleitet hat, sicherlich auch um uns zu beeindrucken. An der Fragestellung muss sie noch arbeiten, aber ich hätte gerne nach einer Freikarte gefragt. Das habe ich mich nicht getraut. Welche Bedeutung es für die Betreffenden hat, eine Doktorarbeit zu schreiben, verstehe ich noch nicht ganz. Die meisten schaffen es neben ihrer beruflichen Tätigkeit kaum, an ihrer Dissertation zu arbeiten.

Heute gibt es eine mittelschwere Aufgabe. Wo steht dieser üppig geschmückte Weihnachtsbaum?
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