„Das müsste vor der New Yorker Börse sein“ heißt es zutreffend in einer Nachricht zur Aufgabe des 12.12., die ich heute morgen nach dem Aufwachen las. „New York Stock Exchange“. Richtig. Die zweite Nachricht, diesmal über Signal, „Wall Street“ lasse ich auch gelten, obwohl das Foto genau genommen in der Broad Street geschossen wurde (auch so redet man im Englischen nicht, habe ich gelernt; es gibt zwar einen photo shoot, aber dabei schießt in Wirklichkeit niemand; in der deutschen Sprache klingt diese Assoziation mit dem Gebrauch von Feuerwaffen ja auch eher ungewöhnlich). Oben auf dem Bild sieht man das Gebäude von der Wall Street-Seite aus.

Die Nachwirkungen des Black Friday waren im Eingangsbereich unseres großen Apartmenthauses noch über eine Woche lang spürbar. Dort werden die ankommenden Pakete der verschiedenen Lieferdienste von den doormen mit breitem Edding beschriftet und auf dem Tresen und an allen Wänden gestapelt. So wird die Marktmacht von Amazon anschaulich und die Nummern der Apartmentwohnungen sind für alle, die nachhause kommen, sofort sichtbar. Zusätzlich gibt es einen großen Bildschirm, auf dem Posteingänge verzeichnet werden. Das Foto oben vermittelt nur einen unzureichenden Eindruck. Multipliziert die Zahl der Warensendungen gerne mit 10 und stellt Euch dazu noch einige große Pakete mit Kinderwagen und Stühlen vor. Es gab einen Tag, an dem ich etwas besorgt und sehr vorsichtig an den hohen Paketstapeln auf allen Seiten vorbei zu den Fahrstühlen geschlichen bin, weil sie bei jedem Öffnen der Eingangstür bedrohlich schwankten.

Gestern habe ich dem Teachers College einen letzten Besuch abgestattet. Die Tage sind nun voller Abschiede. Im Department of Arts and Humanities präsentierten Master-Studierende ihre Semesterergebnisse eines Kurses zu kreativer Musikpraxis. In Gruppen waren kleine Kompositionen und Improvisationen erarbeitet worden. Die Teilnehmenden hatten als undergraduates überwiegend ein Studium der klassischen Musik absolviert und wenig bis gar keine Erfahrung mit Improvisation auf ihrem Instrument. Eine sehr heterogene Gruppe, die meisten kommen aus China. Mein Nachbar hatte die musikpraktische Arbeit mit dem Lesen von musikpädagogischen Texten verknüpft, um Konzepte für kreatives Arbeiten im Unterricht mit eigenen musikalischen Erfahrungen zu verbinden. Seine Stärke besteht ganz offensichtlich darin, die Studierenden zu ermutigen und eine gute Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle trauen, Dinge auszuprobieren und Klänge zu erkunden – ohne Angst, einen Fehler zu machen, auch ohne Noten und ohne wochenlang geübt zu haben. Die Diversität der Studierenden ist sicherlich eine Herausforderung, aber gleichzeitig eine Chance für interkulturelle Musikexperimente. Wie das Solo auf dem chinesischen Streichinstrument Erhu von der brasilianischen Handtrommel Pandeiro, Klavier und Gitarre in einem mexikanisch inspirierten Samba begleitet wurde, war großartig. Der Präsentationsabend hatte eher den Charakter einer Party als eines gewöhnlichen Konzerts. Das hat mir gut gefallen. Die in der deutschen Musiklehrkräftebildung weit verbreitete Trennung zwischen auf der einen Seite didaktischen Seminaren, in denen Fachtexte gelesen und diskutiert werden, und auf der anderen Seite Veranstaltungen zur Gruppenimprovisation oder zum schulpraktischen Instrumentalspiel, in denen fast ausschließlich Musik gemacht wird, war hier komplett aufgehoben. Ich vermute, das hätte dem Bildungsphilosophen John Dewey, der hier sehr geehrt wird, gut gefallen.

Vor einigen Wochen hatte mich die in den Fächern Ästhetik und Musikphilosophie recht bekannte Columbia-Kollegin Lydia Goehr nach einem kurzen Mailwechsel zu einer Veranstaltung des Department of Philosophy eingeladen, mich dort herzlich begrüßt und mir einen anderen deutschen visiting scholar vorgestellt. Das Symposium zum 100sten Geburtstag des Philosophen Arthur C. Danto fand in einem ehrwürdigen Saal im Barnard College statt. Das ist eine unabhängige Institution, darauf wird Wert gelegt, aber sehr eng mit der Columbia verbunden, so wie das Teachers College auch. Es war das erste College in New York, an dem Frauen studieren konnten. Eine strenge Geschlechtertrennung gibt es meines Wissens nicht mehr, aber das Barnard College wirbt damit, weiterhin ein Ort für diejenigen zu sein, die anderswo benachteiligt werden, was ihre Chancen für eine erfolgreiche akademische Ausbildung angeht. 57% der Studierenden seien people of colour heißt es auf der Website. Im ehemaligen Fakultätssaal, in dem das Symposium stattfand, hängen die Gemälde vieler Generationen von College-Präsidentinnen. Die Tapeten seien bestimmt 100 Jahre alt, original handbemalt, erzählte mir ein anwesendes Fakultätsmitglied in der Kaffeepause. Das Tagungsformat fand ich gut. Der Schwerpunkt lag auf der Diskussion. Nach recht kurzen Vorträgen, die schriftlich ausgearbeitet vorlagen, gab es jeweils zwei Responses, die sorgfältig vorbereitet waren. Der anschließende Austausch war intensiv, kontrovers und an der Sache interessiert; nicht – wie man es manchmal auf Tagungen erlebt – eine Gelegenheit, die eigene Klugheit durch besonders kritische Fragen oder längere Ko-Referate zur Schau zu stellen. 

Heute habe ich nur noch an einer Online-Konferenz teilgenommen, auf der u.a. die gleiche Columbia-Philosophin Lydia Goehr einen Vortrag gehalten hat. Die virtuelle Tagung wurde in England gehostet und ich habe vorher dreimal die Zeitangaben überprüft. Thema war die Schrift „Dialektik der Aufklärung“ der Philosophen Theodor Adorno und Max Horkheimer, die vor 80 Jahren verfasst wurde. Tatsächlich war das Frankfurter Institut für Sozialforschung, das Horkheimer leitete und in dem Adorno tätig war, 1933 an die Columbia University geflohen. Es ist zwar Anfang der 50er Jahre wieder nach Deutschland zurückgekehrt, aber die Erinnerung wird hier in New York durch Personen wie Lydia Goehr lebendig gehalten. Auf eine Zusammenfassung des Vortrags verzichte ich an dieser Stelle. Der Titel lautete vielversprechend “Invitation to the Dance: On the Dialectical Beats of Humiliation A-Z, from Adorno to Zappa” und nahm seinen Ausgangspunkt bei einem Konzert von Zappa, 1978 im Odeon Hammersmith in London, an das die Vortragende – damals noch Teenager – lebhafte Erinnerungen hatte. Auf den Text von Adorno und Horkheimer will ich hier auch nicht näher eingehen, aber die Kritik an Kultur- und Unterhaltungsindustrie spielt darin eine zentrale Rolle, so viel sei verraten; wie wir – ich sage mal – eingelullt werden durch falsche Versprechungen von Vergnügungen, die unter der glitzernden Oberfläche aus billigem Plastik sind und alles andere als nachhaltig. Das folgende Motiv wäre vermutlich als Illustration einer Neuauflage geeignet.

Die Frage für Freitag, den 13. lautet: Wo wurde die Aufnahme gemacht? (Wo ist das ganze Jahr Weihnachten in New York?) Wer unsicher ist, kann auf dem nächsten wenige Häuser entfernt gemachten Foto bei genauem Hinschauen einige Anhaltspunkte entdecken.

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